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Zebras in Uganda

Uganda - 2022

Im März 2020 hatte die Corona-Pandemie alle Pläne für Reisen nach Afrika für fast zwei Jahre scheitern lassen. Überraschenderweise gab es zum Jahresende 2021 ein Go für eine Reise nach Uganda. Ich log mir meine Bedenken wegen der langen Flüge zurecht, kapitulierte vor dem bequemen Angebot des Reiseveranstalters und gab meinen Anspruch, in Eigenregie zu reisen ab.


Victoria See

Entebbe, der internationale Flughafen von Uganda, liegt am Victoria See. Wir sind elf Teilnehmer auf der Reise "Gorillas im Nebel". Keine 15 Minuten sind es bis in unser Hotel unmittelbar am See. Wir verteilen uns auf zwei Geländewagen, einen alten Land Rover Defender mit dem Küchenanhänger und einen Toyota Landcruiser. In diesen Fahrzeugen werden wir in den nächsten drei Wochen viel Zeit verbringen, wir werden durchgerüttelt werden, das Kreuz wird uns wehtun. Wir werde aber auch eine besondere Nähe zu den Landschaften und zur Fauna Ugandas erleben.

Unerwartet ist der Artenreichtum, bereits an der Uferpromenade. Eigentlich ein touristischer Hotspot, ein Naherholungsgebiet für die Bewohner der Metropole Kampala, belebte Straßen, Straßenhändler, Strandbars. In der ersten Stunde an der Uferpromenade konnte ich mehr Vogelarten ausmachen als man im ganzen Allgäu findet. Zu Fuß zu erreichen war auch der Botanische Garten von Entebbe, dort wurde der erste Tarzan-Film mit Johnny Weissmüller gedreht. Am nächsten Tag ging es direkt vom Hotel weg auf ein Boot und wir fuhren mehrere Stunden bis Nsazi, eine Insel, die hauptsächlich von Fischern bewohnt ist. Der Campingplatz, unsere Gruppe war allein, lag direkt am Wasser, ausgestattet mit einfachsten Einrichtungen. Zum ersten Mal stellten wir die Zelte auf. Auf dieser Art von Reise muss man selbst die Zelte aufbauen und in der Küche mithelfen, und das für viel Geld. Dafür ist man mittendrin in der Natur. Milane, verschiedene Reiher, Webervögel, Rabenvögel … wieder war es der belebte Luftraum, der auffiel. Ngamba war das nächste Ziel. Die ursprünglichen BewohnerInnen dieser Insel lebten vom Fischfang, 1998 wurden sie umgesiedelt, als dort ein Schimpansen Reservat eingerichtet wurde. Es sind Tiere, die verwaist, verletzt oder krank waren, meist wurden sie bei illegalen Handelstransaktionen beschlagnahmt. Junge Schimpansen sind ein begehrtes Handelsgut im illegalen Tierhandel. Meist werden von Jägern die Mütter und andere erwachsene Gruppenmitglieder erschossen, um an die begehrten Babys zu kommen. Auf der Insel leben keine wilden Schimpansen, sondern Individuen, die durch menschliche Eingriffe aus ihrem Lebensraum gerissen wurden. Sie leben dort unter naturnahen Bedingungen. Ihre Auswilderung gilt als ausgeschlossen. Sie müssen gefüttert werden. Die Insel ist viel zu klein, was der Wald dort hergibt, reicht bei Weitem nicht aus, um eine so große Gruppe zu ernähren. Ganz eigenartig war: Den Affen steht der größte Teil der Insel offen, weg kommen sie nicht, Schimpansen können nicht schwimmen. Das Personal der Station und die Besucher befinden sich hinter Gittern, die Tiere in relativer Freiheit.

Ernüchternd fiel der Besuch einer Siedlung auf unserer Insel aus. Freundliche Kinder, eine geschlossene Schule im Coronalockdown, eine Nähwerkstatt, die von selbstbewussten Frauen betrieben wird. Männer beim Trinken. Viele Männer hängen an der Flasche, für Uganda ein Problem, unsere ugandischen Guides zucken verlegen mit den Schultern.

Der Victoria See, ein Meer im Herzen Afrikas. Nur zwei Reisetage waren es aus dem kalten coronagebeutelten Deutschland, und jetzt saß ich vor dem Zelt auf einer Insel im See, erlebte eine Atmosphäre, die John Hanning Speke kaum anders erlebt haben dürfte, als er 1858, auf der Suche nach der Nilquelle, möglicherweise als erster Europäer den See erreichte. Schon damals war die Region dicht besiedelt. Heute steht die Natur unter hohem Druck. Im Einzugsbereich des drittgrößten Binnensees der Welt leben heute über 40 Millionen Menschen. Für diese Menschen ist der See eine wichtige Lebensgrundlage: Er ist eine Nahrungs- und Trinkwasserquelle und generiert Einnahmen durch Fischerei, Landwirtschaft und Tourismus.

Man gibt sich einer Illusion hin, wenn man hier ein Land zu finden glaubt, das etwas mit den Bildern zu tun hat, die uns aus Büchern und aus dem Fernsehen über Forschungsreisen ins dunkle Afrika vermittelt wurden. Es gibt Menschen, auf die dieses Afrika eine enorme Anziehungskraft hat. In Wahrheit ist es nicht das reale Afrika, es sind vielmehr Fantasien über Afrika, die nur in unseren Köpfen existieren. Wir leben, wie so oft, in Illusionen.

In Wahrheit spielt sich in Ostafrika ein ökologisches Drama ab, im Becken des Victoriasee treten alle Facetten dieser Katastrophe gemeinsam zu Tage. Für den durchreisenden Touristen kaum sichtbar, ist die gesamte Region um den Victoriasee bedroht. Die Auslöser der Krise liegen im weltweiten menschlichen Handeln.

Bedroht ist das Ökosystem durch den Klimawandel, durch Verschmutzungen aus Industrie, Landwirtschaft und Haushalte, durch Abholzung, durch Trockenlegung von Feuchtgebieten, durch das Auftreten von invasiven Arten. Ganz direkte Gefahren für die Menschen gehen auf sich ausbreitende Krankheiten zurück, die mit der Veränderung der Uferregionen und dem Vordringen des Menschen in bisher wirtschaftlich noch ungenutzte Wildnisse zu tun haben. Natürlich findet man solche Informationen nicht in gängigen Reiseführern. Josef Settele (2020) geht in seinem Buch über die „Tripple Krise“ auch auf die Situation in dieser Region Ostafrikas ein.

Mir fiel spontan der hohe Wasserstand des Sees auf. Uferbereiche, in denen früher Straßen verliefen, die landwirtschaftlich genutzt oder bewohnt waren, fand ich im Dezember 2021 überflutet vor. Auch einige Strandbars sind in den Fluten versunken. Der Wasserstand hatte ein historisches Hoch im Mai 2020 nach starken Dauerregenfällen über dem gesamten ostafrikanischen Victoriabecken. Seither ist der hohe Pegelstand nicht wieder gesunken. Vorangegangen war eine längere Dürreperiode, die 2019 von einer atypischen Regenperiode abgelöst wurde, es kam zu tropischen Starkregen, auch zu Jahreszeiten, die früher trocken waren. Der See musste diese Niederschlagsmengen aufnehmen. Dies sind Wetterphänomene – Dürreperioden, die von extremen Niederschlägen abgelöst werden – die weltweit mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht werden, auch in Deutschland. Am Victoriasee wurden ufernahe Zonen unterspült, lösten sich ab und schwammen über den See. Das Treibgut blockierte den Victorianil, der den Abfluss des Victoriasees bildet, das Wasser im See stieg. Es kam zu Überschwemmungen, Erdrutschen, Menschen starben, Siedlungen wurden zerstört, Klimaflüchtlinge suchten neuen Lebensraum.

Der Beginn des ökologischen Desasters im Victoriasee liegt in den 1960er Jahren, als der Nilbarsch in den See eingebracht wurde. Man versprach sich von dieser Art bessere Fänge der Fischerei. Der Fisch ist ein Süßwassermonster, er wird bis zu zwei Meter lang und 150 Kilogramm schwer. Als Victoriabarsch wird er heute weltweit als Speisefisch vermarktet, er findet sich auch in unseren Supermärkten und auf unseren Speisekarten. Anfangs war die Ansiedlung für die kommerzielle Fischerei und die globale Vermarktung ein Erfolg. Die Art vermehrte sich exponentiell, natürliche Feinde gab es im See nicht. Heimische Fischarten wurden verdrängt, viele starben aus oder sind am Rand des Untergangs, besonders die endemischen Arten. Ein Großteil der heimischen Buntbarscharten ist bereits verschwunden. Die traditionelle Fischerei am See verarbeitete früher einen großen Teil des Fangs zu Trockenfisch, sie erlebte seit dem Aufkommen des Viktoriabarsches einen Niedergang. Heute gilt: Je mehr Viktoriabarsch wir konsumieren, je mehr gefangen wird, desto eher können die heimischen Fischarten und die traditionelle Fischerei überleben.

30 Jahre später begann ein weiteres ökologisches Drama. Die Wasserhyazinthe, ursprünglich aus Südamerika stammend, wurde über Südafrika in den See eingeschleppt, fang ideale Bedingungen vor und vermehrte sich rasend schnell. Nach kurzer Zeit waren viele Quadratkilometer Wasserfläche überwuchert, besonders betroffen war Uganda. Anderen Lebensformen blockierte die Wasserhyazinthe den Zugang zu Licht und Sauerstoff. Fischerei und Schifffahrt litten unter dem Bewuchs.

In der Region Entebbe werden Blumen für den Export in landwirtschaftlichen Industrieanlagen gezüchtet. Die Abwässer aus diesen Plantagen wie auch die aus den Städten und Siedlungen der Umgebung fließen praktisch ungeklärt in den See. Diese Abwässer düngen den See, begünstigen das Wachstum. Auch die Bodenerosion trägt dazu bei. Mineralreiche Erde aus abgeholzten Gebieten wird durch den starken tropischen Regen in den See geschwemmt und unterstützt die Ausbreitung der Wasserhyazinthen. In den Uferzonen entstehen Sumpfzonen, die die Verbreitung von Krankheiten wie Cholera oder Malaria fördern.

So sitze ich in der lauen Dezemberluft vor dem Zelt auf einer Insel im See, den Himmel Afrikas über mir, mittägliche Gewitter bringen Abkühlung, lassen mit allen Sinnen spüren, wie anders sich dieses Land anfühlt. Aber all das, was hier an Natur zu finden ist, ist durch den Menschen gestaltet, gestört und gefährdet. Auch Gewitter sollten in der Heftigkeit und Häufigkeit, wie sie während meiner Tagen am See zu erleben waren, in dieser Jahreszeit gar nicht auftreten. So reisen wir durch das Land, erleben eine einzigartige Tierwelt und überwältigende Landschaften. Kommen wir im letzten Augenblick, um dies noch zu erleben? Sind wir zu spät unterwegs, erleben wir nur noch klägliche Reste eines untergegangenen Paradieses? Sind wir selbst die Totengräber, ist es unsere Art zu reisen, die der Natur den endgültigen Todesstoß versetzt?

 

Lake Mburo, Savanne im Wandel

Mit einer Bootsfahrt zurück nach Entebbe beginnt die nächste Etappe, das Gepäck wird in die Autos verladen, dann die Weiterfahrt zum Lake Mburo National Park. Das Schutzgebiet liegt in einer offenen afrikanischen Savannenlandschaft, kleinere Seen sind eingelagert, es gibt Flüsse und Sümpfe. Die Höhenlage und die relativ geringe Niederschlagsmenge machen die Region zu einem angenehmen Reiseziel. Wir können unsere Zelte direkt am namensgebenden See aufstellen, das Schnauben der Hippos schwebt über der Wasserfläche.

Erst nach meinem Besuch recherchierte ich die Geschichte dieses Schutzgebiets, es war ernüchternd. Wer heute als Tourist die Region bereist, hat den Eindruck, ursprüngliches Afrika zu erleben. Eine Landschaft mit Tieren und Pflanzen, wie sie sich schon den ersten Menschen präsentierte, die als Jäger und Sammler durch die offene Savanne streiften. Welche Täuschung. Auf die Jäger und Sammler folgten Viehzüchter, sie siedeln bis heute in den Savannenregionen Afrikas. Ab 1894 wurde Uganda ein britisches Protektorat, europäische Viehzüchter übernahmen die Kontrolle über die Mburo Region, gründeten große Rinderfarmen. Sie verließen die Gegend wieder, nachdem sich die Rinderkrankheit Nagana ausbreitete. Diese im afrikanischen „Tsetsegürtel“ verbreitete Tierseuche wird durch Trypanosomen verursacht, Parasiten, die durch die Tse-Tse-Fliege übertragen werden. Bei Menschen können diese Erreger die Schlafkrankheit auslösen. Tse-Tse-Fliegen sind Blutsauger, sie benötigen Wirtstiere, um sich fortzupflanzen. Die Kolonialregierung erklärte die Region um den Mburo See zum Jagdgebiet. Denn, so die Logik, ohne Wirtstiere keine Tse-Tse-Fliegen, kein Rindersterben, keine Schlafkrankheit. Allerdings kam die Tse-Tse-Fliege nach einem anfänglichen positiven Effekt zurück, worauf die Kolonialregierung entschied alle potenziellen Wirtstiere abzuschießen. Was in einer so weitläufigen und gegliederten Landschaft nicht gelang. Der nächste brutale Eingriff bestand darin, das Gebiet abzuholzen und abzubrennen. Die letzten verbliebenen Tiere sollten jeden Schutz durch die Vegetation verlieren. Zurück blieben hunderte von Quadratkilometern verbrannte Erde. Es nützte wenig, nach dem nächsten Regen kehrte die Vegetation zurück, Tiere und Tse-Tse-Fliegen breiteten sich wieder aus. Die Vegetation wurde ein weiteres Mal abgebrannt und die komplette Region mit Insektiziden behandelt. Zurück blieb ein verbranntes Land ohne Tsetsefliegen, aber auch ohne sonstige Insekten und ohne andere Tiere. In den 1960er Jahren kehrte dann die Landwirtschaft zurück. Bahima-Hirten siedelten sich an. Inzwischen war die Kolonialregierung durch die erste Obote-Regierung abgelöst worden. Teile der Region wurden zur Besiedlung freigegeben, eine Restgebiet um den Mburo-See als Wildschutzgebiet deklariert. Später schrumpfte das Reservat weiter, die Rinderzucht wurde intensiviert. Dennoch erholte sich der Bestand an wilden Tieren. Um während der Ära Amin durch Wilderei wieder dezimiert zu werden. Die nach Amin folgende zweite Obote Regierung erklärte die gesamte Region zum Nationalpark, mehrere Tausend Menschen, die sich dort niedergelassen hatten, mussten das Schutzgebiet verlassen. Mit Milton Obote blieb der Terror im Land, es entwickelte sich ein jahrelanger Bürgerkrieg aus dem Yoweri Museveni als neuer Machthaber hervorging. Er regiert das Land seither. Im Jahr 2022 ist offen, wie lange noch. Der Nationalpark wurde während des Bürgerkriegs von der vertriebenen Bevölkerung wieder in Besitz genommen, vorhandene Infrastruktur des Parks wurde zerstört. Seit den 1990er Jahren wird versucht, die lokale Bevölkerung bei der Planung der Zukunft des Parks zu beteiligen und das, wieder verkleinerte, Schutzgebiet, zu erhalten. Seither fließen Einnahmen aus dem Park in Projekte der umliegenden Gemeinden.

Als wir in den Park fahren, begegnen wir Menschen mit ihrem Vieh, Rinder in großer Zahl, wir fahren durch Dörfer, lachende Kinder winken uns zu. Erst nach einem Kontrollposten - wir melden uns an, zahlen die Eintrittsgebühr, die Schranke wird geöffnet - endet die dichte Besiedelung. Dies, obwohl die Parkgrenzen schon früher markiert waren, wir schon geraume Zeit durch eine Zone fuhr, die als zum Park gehörig gilt. Als Tourist ist man irritiert. Andererseits ist es auch nicht anders als in Bayern. Auch bei uns gelingt es nur schwer, die wirtschaftliche Nutzung von Regionen, die zu einem Nationalpark gehören, zu beschränken oder gar komplett zu beenden, zumindest sind diese Schritte immer von Widerständen begleitet. So auch hier klärt uns einer der Guides auf. Die jetzt hier ansässige Bevölkerung betreibe Rinderzucht, der Präsident des Landes sei ihnen speziell verpflichtet, schütze ihre Interessen, das sei ein kompliziertes Verhältnis. Museveni sei ja als Privatmann im Besitz der größten Rinderherde Ostafrikas, sei ein leidenschaftlicher Farmer. Auf jeden Fall werde das Vieh in einem Gebiet gehalten, wo es eigentlich gar nicht weiden dürfte.

Die Infrastruktur des Schutzgebiets: Ein Platz direkt am Ufer des Lake Mburo, ausgestattet mit Plumpsklo und kalter Dusche. Aber wir sind mitten in Afrika, kein Filter ist zwischen uns und der Natur, auf allen Sinneskanälen sind wir im direkten Kontakt mit unserer Umgebung. Besonders einprägsam wird der zweite Abend am See. Wir sitzen beim Essen, es ist schon dunkel, der Platz wird nur schwach vom Mond beleuchtet. Erst spüren wir es mehr als dass wir wirklich etwas sehen, aber es ist keine Täuschung. Ein Hippo, ein ziemlich ausgewachsenes, tut, was seine Natur ist. Es verlässt zur Nacht das Wasser zum Fressen, lässt sich von unserer Partygesellschaft nicht stören, quert den Platz, keine zehn Meter entfernt vom Esstisch und verschwindet geräuschlos im Busch. Das gefährlichste Tier Afrikas, zum Greifen nah. Zwei Tonnen Lebendgewicht bewegen sich elegant und geschmeidig durch die Nacht. Bei allen großen Grasfressern in Afrika ist das so, sie bewegen sich auf sehr ästhetische Art, im eigenen Rhythmus, leichtfüßig, tänzerisch, nicht plump und behäbig, wie man es bei der Körpermasse vermuten würde. Das gilt auch für Elefanten und Rhinos.

Die großen Beutegreifer wie Löwen oder Geparden gibt es nicht mehr im Park, Leoparden möglicherweise schon, diese sind aber grundsätzlich Heimlichtuer und nur schwer aufzuspüren, Leoparden meiden Menschen. Deshalb sind Streifzüge zu Fuß problemlos und ohne bewaffnete Ranger möglich. Zebras, Giraffen, Antilopen, auch Büffeln begegneten wir ohne Zaun und ohne schützendes Autoblech direkt im Gelände. Zebras und Giraffen sind im Park wieder angesiedelt worden, andere Tiere fanden sich von selbst wieder ein, die Vegetation schien komplett wiederhergestellt, wirkte auf uns ganz ursprünglich und natürlich. Für uns war nicht zu erkennen, dass hier vor einigen Jahrzehnten Tiere und Pflanzen umfassend vernichtet worden waren.

 

Gorillas im Bergregenwald

Der Bwindi Impenetrable Nationalpark ist das nächste Ziel dieser Afrika Reise. Nördlich der Virunga Vulkane gelegen, aber getrennt von dieser Region, ein Gebiet mit uraltem Bergregenwald, Gorillas im Nebel, in direkten Kontakt mit den Tieren kommen - das war die Essenz der Reise nach Uganda. „Das wäre mir viel zu gefährlich, diesen Tieren unbewaffnet, völlig ungeschützt im Wald zu begegnen“ - standardmäßig eine der ersten Reaktionen, wenn man von der Begegnung mit Gorillas spricht. Eine andere typische Reaktion: „Da gab es doch diesen Film, mit dieser Frau, die hat doch mit den Gorillas zusammengelebt, wurde dann ermordet, Sigourney Weaver.“ Genau, im Film „Gorillas im Nebel“ von 1988, verkörperte die Schauspielerin Sigourney Weaver jene Dian Fossey, die ihr Leben der Gorillaforschung widmete und in Ruanda, im Bergwald der Virunga Vulkane, ermordet wurde. Assoziationen, Stereotype und Vorurteile, die das Wort „Gorilla“ bei uns auslöst, sind von Filmen getriggert. Was wir über Gorillas wissen, besser gesagt, was wir meinen zu wissen, beziehen wir aus Filmen wie „King Kong“ und „Gorillas im Nebel“. Wir mischen diesen Input mit Bruchstücken von Wissen, mit Vorurteilen gegenüber Afrika, mit Haltungen zu Natur und Artenschutz. Auf dieser Basis entscheiden und urteilen wir dann.

Die Natur unseres Erkenntnisapparats, die Mechanismen unserer Informationsverarbeitung, Urteilsprozesse und Risikoabschätzungen zeigen sich bei solchen Phänomenen. Als offene Fragen bleiben: Welche unserer Vorstellungen von der Natur sind durch Fakten gesichert? Vielleicht haben wir ja gar nicht die Fähigkeiten, das Wesen der Natur zu verstehen, vielleicht werden unsere Vorstellungen über die Natur bestimmt durch Wunschvorstellungen, Täuschungen, Vorurteile, Ressentiments und sind naive Fehleinschätzungen? Wahrscheinlich bedarf es einer wirklich unmittelbaren Wahrnehmung der Natur und eines echten emotionalen Bezugs. Beides fehlt den meisten Menschen. Im konkreten Fall sieht das Wissen von Menschen aus dem Norden ungefähr so aus: Gorillas sind aggressiv und lebensbedrohend. Gorillas müssen von weißen Menschen vor dem Aussterben gerettet werden, die Heldinnen bezahlen ihren Einsatz mit dem Leben, böse schwarze Menschen sind gegen die Rettung der Gorillas. Dazu kommt eine spezielle Neugier, zumindest bei manchen von uns, genau diese Tiere in ihrem Lebensraum kennenzulernen. Weshalb das so ist? Ich habe keine Ahnung.

Stichwort: Verlust von Biodiversität, Artensterben. Die Berggorillas gelten, wie andere Gorillaunterarten auch, als vom Aussterben bedroht. Von den Berggorillas gibt es noch rund 1000 Individuen, so die Schätzungen. Im Unterschied zu fast allen anderen bedrohten Tier- und Pflanzenarten ist diese Gorilla-Unterart in den Medien präsent, was ihnen einen Vorteil verschafft, der gegenwärtig ihr Überleben absichert. Wie lange noch, das ist offen. Der Gesamtbestand aller Gorilla-Unterarten wird auf 365.000 Tiere geschätzt. Die Zahl der Menschen beträgt 8 Milliarden. Es fällt uns so schwer, unseren zahlenmäßig so wenigen nahen Verwandten einen Rest an Lebensraum zuzugestehen. Die Weltnaturschutzunion führt die sogenannten Roten Listen. Für das Jahr 2020 werden mehr als 112.000 Tierarten als gefährdet eingestuft, ungefähr 32.000 stehen unmittelbar vor dem Ende. Kaum eine dieser Arten hat eine positive Medienpräsenz, wir wissen von deren Überlebenskampf nichts, es interessiert uns wenig. Unsere nächsten Verwandten haben wir an den Rand des Untergangs gebracht. Seit den 1980er Jahren sind ihre Bestände in Afrika und Asien um über die Hälfte zurückgegangen, verursacht durch den Menschen.

Auch in der trockeneren Jahreszeit gibt es im Bergregenwald Niederschläge, nahezu täglich. Da war es äußerst angenehm vom Zelt in eine feste Unterkunft wechseln zu können. Nass wurde es beim Besuch der Gorillafamilie im Wald allemal. Es gibt noch etwa 400 Gorillas im Bwindi Impenetrable Nationalpark, die in Familiengruppen leben. Einige der Gruppen sind an Menschen habituiert, sie können von Touristen besucht werden. So startete auch unsere Gruppe am frühen Morgen in Rushaga bei der Station der Nationalparkverwaltung. In Begleitung eines Guides und eines Rangers mit Kalaschnikow. Zunächst ging es auf einem bequemen Weg in den Wald hinein, der Pfad wurde aber rasch schlechter zu begehen, schließlich verloren sich alle Spuren. Unser Guide legte für uns eine Spur durch das Unterholz. Das Gelände war abschüssig, entweder stiegen wir bergauf oder rutschen die Hänge hinab. Es war feucht, der Untergrund glitschig bis sumpfig, armdicke Regenwürmer tauchten unter riesigen Blättern auf. Es wurde unheimlich und bedrohlich. Regelmäßig kontaktierte unser Guide mit dem Handy andere Ranger, die sich bei der Gorillagruppe aufhielten, der unser Besuch galt. Es sei nicht mehr weit, nur noch wenige Minuten, motivierte er uns immer wieder zum Weitergehen. Dann war es tatsächlich so weit. Zunächst fielen uns im Grün des Waldes nur zwei weitere Ranger auf, auch sie bewaffnet. Wir standen in sehr abschüssigem Gelände, konnten uns nur schwer aufrecht halten, es war glitschig und steil. Begehrt waren Plätze, an denen man sich an einem Baum abstützen oder halten konnte. Und endlich erkannten wir, dass wir uns jetzt mitten unter Gorillas befanden. Aus dem Buschwerk, keine fünf Meter vor uns, beobachtete uns eine Gorilla-Mutter mit ihrem Baby. Wir waren aber nicht lange interessant für sie, schnell ging sie wieder dazu über, Blätter zu fressen. Ein langes Teleobjektiv war nicht nötig. Auch nicht für den Silberrücken, der im nächsten Busch lag, er nahm uns durchaus zur Kenntnis, zeigte kurz seine Zähne, drehte sich dann aber auf die Seite und döste weiter. Bis er von einem Jungtier geweckt und geärgert wurde. Dieser junge Gorilla zog eine richtige Schau ab. Klettern, Schaukeln, Schwingen, den Chef ärgern. Ob das fürs Publikum war? Ein jüngeres weibliches Tier gab jegliche Distanz auf und näherte sich unserer Gruppe, kam so nahe, bis sie uns berühren konnte. Die Augen, der Blick, die Neugier, die Arglosigkeit, es war verblüffend. Wenn man diesen Wesen in die Augen schaut, spürt man, dass man dazu gehört, auch so ein Tier ist. Ist es dieses Erkennen, das uns in den Wald zu den Gorillas lockt?

Ob die unmittelbare sinnliche Erfahrung dazu beiträgt, ein Mitgefühl für diese Wesen zu entwickeln? Vielleicht bei den Menschen, die diese Erfahrung gezielt suchen und sie dann mit voller Aufmerksamkeit erleben. Aber das sind unbedeutend wenige. Gibt es ein Bedürfnis nach solchen Erfahrungen, sind wir offen für solches Erleben? Steigern solche Erfahrungen unsere Bereitschaft für Änderungen in Einstellung und Verhalten der Natur gegenüber, können solche Erlebnisse Änderungen triggern? Ich bin da skeptisch, meine persönlichen Erfahrungen sprechen dagegen, Menschen ändern sich nicht, sie sind wenig bereit für neue Erfahrungen, ein offener Zugang zum unverstellten Erleben der Natur ist wenig ausgeprägt. In unserer Realität gehört die Natur zu „den Dingen“, ist eine Ware, ist Gegenstand unseres Konsumverhaltens. Nur so war es für mich möglich, die Gorillas im Bergregenwald ganz unmittelbar mit allen Sinnen erleben zu können. Ohne Reiseveranstalter, dessen Geschäft es ist, dieses Angebot zu verkaufen, gäbe es keine Chance. Möglicherweise gäbe es ohne den Tourismus auch die Gorillas, zumindest die Berggorillas, nicht mehr oder nicht mehr lange.

Der Bwindi Wald bildete ursprünglich mit den Bergregenwäldern um die Virunga Vulkane ein zusammenhängendes Waldgebiet. Beide Gebiete sind schon seit Jahrhunderten getrennt, der größte Teil der Wälder wurde gerodet, die Region ist heute dicht besiedelt und wird intensiv landwirtschaftlich genutzt. Es kann ganzjährig angepflanzt und geerntet werden. Uganda ist wie ein riesiges Gewächshaus. Bei der Fahrt durch die Region wähnt man sich in einem Garten Eden. Alles wächst im Überfluss, so wirkt es. Früchte, Gemüse, das Angebot auf den Märkten ist überbordend. Es gibt große Teeplantagen, auch Kaffee wird angebaut in dieser Bergregion Ugandas. Überall Kinder, die einen lachend begrüßen. Uganda ist gerade dadurch für den Tourismus so spannend. Es gibt die trockenen afrikanischen Savannen und in direkter Nachbarschaft alte Regenwälder. Offene Landschaft, große Seen, den Nil und die Bergregionen mit tropischem Regenwald. In den Ruwenzori-Bergen finden sich sogar noch Gletscher in den Gipfelregionen. Das alles nah beieinander und leidlich erschlossen.

Der Regenwald im Gebiet der Virunga Vulkane und im Ruwenzori Gebirge unterscheidet sich markant von Regenwäldern in anderen Regionen unserer Erde, etwa vom Amazonasregenwald oder vom Regenwald im Kongobecken. Dieser Regenwald liegt im Ostafrikanischen Grabenbruch, eine vulkanisch sehr aktive Region. Politisch gehört die Bergregenwaldregion zu Ruanda, Uganda und der Demokratischen Republik Kongo.

Der berühmteste und gefährlichste der Virunga Vulkane ist der Nyiragongo. Höhe 3470 Meter, gelegen im Kongo, einer der aktivsten Vulkane des Planeten, in seinem Krater befindet sich ein Lava See. Der Berg liegt gerade 20 Kilometer nördlich der Großstadt Goma. Die letzten Ereignisse: Am 17. Januar 2002 zerstörte ein Lavastrom mehrere Dörfer, erreichte Goma und floss durch die Stadt bis in den Kiwusee. Ein weiterer Ausbruch ereignete sich 2012, wieder war Goma mitbetroffen. Am 22. Mai 2021 floss Lava wiederum bis Goma, der Lavastrom stoppte am Stadtrand. Erdstöße traten parallel zur vulkanischen Aktivität auf. Alle Ereignisse waren mit Todesopfern, Zerstörungen von Gebäuden und Infrastruktur, Evakuierungen und Fluchtbewegungen verbunden.

Vulkanisch aktive Zonen sind gefährlich für die Menschen, die dort siedeln. Im Bereich des Afrikanischen Grabenbruchs sind es gleichzeitig sehr fruchtbare Lebensräume. Die mineralreichen vulkanischen Böden machen zusammen mit den durch die Höhe gemäßigten Temperaturen und den regelmäßigen tropischen Niederschlägen Jahr für Jahr mehrere Ernten möglich. Vulkanausbrüche sind für in der Umgebung lebende Menschen Katastrophen, sie wirken aber auf die Natur wie eine gigantische Düngung, die auf längere Sicht für günstige Lebensbedingungen sorgt. Die Verluste an Vegetation und Tieren bei Vulkanausbrüchen werden meist erstaunlich schnell kompensiert, das Leben kehrt nach Katastrophen mit Riesenschritten zurück. Für Menschen sind es daher auch äußerst attraktive Lebensräume. Vulkane gehören zu unserer Erde, zur Natur, sie haben schon immer Einfluss auf unser Leben.

Das spiegelt sich in der Bevölkerungsdichte wider, die in Uganda in den vulkanischen Regenwaldregionen bei etwa 300 Menschen pro Quadratkilometer liegt. Bei einem derzeitigen Bevölkerungswachstum von 3,5 Prozent gibt es hohen Druck auf die bisher nicht landwirtschaftlich genutzten Schutzgebiete. Bei der Fahrt durch das Bwindi Gebiet sticht die scharfe Grenze zwischen besiedeltem Gebiet und dem geschützten Wald sofort ins Auge. Die Grenze zwischen Landwirtschaft und wilder Natur ist eine Kampfzone. Die Barriere, die Berggorillas zu ihrem Schutz brauchen, steht unter Druck. Menschen wuchern mit ihrer Wirtschaft wie ein Krebsgeschwür in die Wildnis hinein.

 

Virunga Vulkane

Wir blieben nach dem Erlebnis mit den Gorillas in der Region des Bergregenwaldes, wechselten in den Mgahinga Gorilla National Park, der direkt an Ruanda und den Kongo grenzt. Dort leben noch rund 50 Berggorillas. Mein Ziel war der Muhavura. Der höchste der Virunga Vulkane, der auf ugandischem Gebiet liegt. Die Grenze verläuft über den Gipfel, so war es mir vergönnt, auf einen Schritt nach Ruanda zu kommen. In den Alpen begibt man sich, steigt man auf Berge dieser Höhe, in eine vegetationslose Wüste und bewegt sich im Fels, auf Schutt und Geröll oder in Schnee und Eis. Die Besteigung des Muhavura ist eine Exkursion durch die Vegetationszonen der Tropen. Bambuswald, Lianen, von Flechten überzogene Bäume wirken wie Gespenster im Nebel, Moosteppiche, Erikabäume. Eine märchenhafte Kulisse begleitet den Aufstieg. Erst in einer Höhe über dreieinhalbtausend Meter kommt man in offenes Gelände und die Vegetation gibt den Blick frei über die umgebenden Hügel, die inzwischen schon tief unten liegen. Die grünen Hügel Ugandas unter mir und die blauen Berge des Kongo in der Ferne. Aus der Höhe erkennt man, welcher Art diese Hügel sind. Es sind ausnahmslos Vulkankegel, bis an den Kraterrand bewachsen und, so sie außerhalb des Schutzgebiets liegen, bis oben hin parzelliert, terrassiert, bepflanzt. Kein Stück, das nicht landwirtschaftlich genutzt wird. Der Pfad auf den Berg ist nass, schlüpfrig, sumpfig, weich und tief. Nirgends steht man richtig fest und sicher, man schwankt, sinkt ein, Wasser dringt in die Schuhe, alles, was in Berührung mit dem Untergrund kommt, nimmt allmählich eine graubraune Färbung an. Zum Glück ist der Muhavura touristengerecht präpariert. Gelände, in dem das Fortkommen zu beschwerlich wäre, ist mit Handläufen, Stegen, Treppen, Leitern gangbar gemacht. Als Tagestour, es sind immerhin 1800 Meter zuerst im Aufstieg und dann im Abstieg zu überwinden, wäre dieser Berg für normal belastbare Geher sonst nicht zu bewältigen. Selbst der Gipfelbereich ist noch grün, ein kleiner Kratersee füllt die Caldera umgeben von Senecien und Lobelien. Ich kann den Blick jetzt über die Landschaft schweifen lassen, die unser Denken über Gorillas entscheidend beeinflusst hat. In diese Bergregion, auf die Seite, die zu Ruanda gehört, zog es Dian Fossey. Hier lebte und forschte sie, hier wurde sie ermordet.

Die höchsten der Virunga Vulkane liegen in Ruanda. Dort befindet sich auch bis heute die Forschungsstation für Berggorillas, die von Dian Fossey 1967 gegründet worden war. Dian Fossey wurde am 27. Dezember 1985 im Karisoke Research Center ermordet aufgefunden. Sie wurde 53 Jahre alt. 1963 hatte sie auf ihrer ersten Afrikareise Louis Leakys Ausgrabungen in der Olduvai Schlucht im Norden Tansanias besucht. Im Kongo hatte sie ihre ersten Begegnungen mit Gorillas.

Ohne die Forschungen von Louis Leaky ist die Geschichte von Dian Fossey nicht zu verstehen. Und auch für unser aller Wissen über die Herkunft und die Natur des Menschen sind seine Forschungen enorm wichtig. Sein Fach war die Paläoanthropologie, die Wissenschaft von der Menschwerdung, von der Stammesgeschichte des Menschen. Die Paläoanthropologie ist ein Teilgebiet der Evolutionsbiologie. Nach Winfried Henke (2015) geht es in der Paläoanthropologie um Fragen nach unseren nächsten lebenden Verwandten in der Primatenordnung, danach, wann und wo im Primatenstammbaum die zum Menschen führende Stammlinie abzweigte, welche evolutionsökologischen Rahmenbedingungen den Prozess der Menschwerdung ermöglichten, nach den Vorläuferformen des heutigen Menschen und nach der Entstehung spezifisch menschlicher Merkmale wie der Sprache. Paläoanthropologen stützten sich früher vor allem auf Fossilfunde. Inzwischen liefert die Paläogenetik, basierend auf der Analyse der DNA in Fossilfunden, wichtige Erkenntnisse. Die Paläoanthropologie ist heute eine interdisziplinäre Wissenschaft. Leakys Idee war, aus der Beobachtung des Verhaltens von Menschaffen Rückschlüsse auf die Evolution des menschlichen Verhaltens im Laufe der Stammesgeschichte ziehen zu können. Bis in die 1960er Jahre gab es kaum systematisches Wissen über das Verhalten von Menschenaffen.

Leaky hat diese Forschung initiiert. Er unterstützte zunächst Jane Godall dabei, mit Feldforschungen an wildlebenden Schimpansen in Tansania zu starten und Birute Galdikas, die mit Orang-Utans in Borneo arbeitete. 1966 gewann schließlich Fossey Leakys Unterstützung für ihre Langzeitbeobachtung von Berggorillas in Ruanda. Sie widmete ihr weiteres Leben diesen Tieren, baute persönliche Bindungen zu den Gorillas auf, die in ihrer Arbeit für sie den Status von Forschungsobjekten verloren. So blieb sie, obwohl von der Fachwelt weltweit rezipiert, wissenschaftlich umstritten. Erschwerend für sie war, dass sie keine universitäre Qualifikation vorweisen konnte. Als sie starb, war sie dennoch eine der prominentesten PrimatenforscherInnen. Gerade wegen ihres kompromisslosen Einsatzes für die Berggorillas. Sie galt als schwierige Person, besonders im Umgang mit Behörden und afrikanischen Regierungsvertretern, habe geradezu einen kolonialen Habitus entwickelt. Sie habe da Probleme mit der Emotionsregulation gehabt, so Farley Mowat (1989) in seiner Biografie über Dian Fossey. Er sieht es so, dass sie ermordet wurde, weil sie den Gorillatourismus behinderte, den Schutz der Tiere vor wirtschaftliche Interessen stellte.

Fast 40 Jahre nach dem Tod von Dian Fossey ist der Gorillatourismus fest etabliert, sonst hätte ich dieses Erlebnis nicht haben können. Der Druck auf die wildlebenden Gorillas ist weiterhin groß. Die wachsende Bevölkerung, Landbedarf, Rodungen, illegale Jagd nach Bush-meat, die Zerstückelung der Schutzgebiete, politische Instabilität erschweren das Überleben der Tiere in natürlichen Habitaten. Ohne den Tourismus, ohne die von Industrienationen getragenen Projekte, ohne private Initiativen gäbe es möglicherweise in wenigen Jahren keine freilebenden Gorillas, Schimpansen und Orang-Utans mehr.

Die Frage nach dem Ursprung der Menschheit - wer ist von diesem Thema nicht angefasst. Mein Wunsch war, etwas über den Stand des Wissens zu diesem Thema zu kennen. Und natürlich darum, einen Eindruck davon zu haben, unter welchen Bedingungen unsere Vorfahren lebten, die sich schließlich zum Homo sapiens entwickelten. Gorillas sind nach den Schimpansen unsere nächsten Verwandten. Homo sapiens, von denen es heute nur eine Art gibt, gehören in der Taxonomie der Biologie mit den beiden Arten von Schimpansen, den beiden Gorillaarten und den drei Arten von Orang-Utans zu den Menschenaffen, oder Hominidae. Genetisch sind wir Schimpansen und Gorillas sehr ähnlich. Diese beiden Arten sind – genetisch gesehen – uns Menschen ähnlicher als den Orang-Utans. Menschenaffen gibt es seit ca. 18 Millionen Jahren. Die Trennung in eine asiatische und afrikanische Linie erfolgte vor 11 Millionen Jahren. Orang-Utans haben als einzige Art der asiatischen Linie bis heute überlebt. Die Linie zu den heutigen Gorillas zweigte vor 10 Millionen Jahren ab, die zu den Schimpansen trennte sich vor ungefähr 6 Millionen Jahren von der zu den heutigen Menschen, die ab dieser Trennung als Homini taxiert werden. Als einzige – rezente - Art hat heute der Homo Sapiens Bestand, andere Menschenarten oder Homini, die es zahlreich gab, kennen wir heute nur anhand der Fossilfunde.

Es war ein Gefühl, als könnte ich einen Blick in unsere Geschichte werfen, als könnte ich etwas aus meiner Vergangenheit sehen, als ich auf dem Muhavura stand.

 

Krieg in Afrika

Der Besuch des Queen-Elizabeth-Nationalpark, in der Region des Ishasha River, brachte uns auf dieser Reise mit einem ganz anderen Konflikt in direkten Kontakt. Wir stellten unsere Zelte in der Kampfzone auf, direkt am Ishasha River, dem Grenzfluss zur Demokratischen Republik Kongo. Der Kongo, insbesondere der Osten des Landes, ist seit Jahrzehnten Kriegsgebiet. Es gibt innerstaatliche Konflikte, die militärisch ausgetragen werden, zudem gibt es die militärische Einmischung der Nachbarländer und anderer Staaten aus Afrika und der ganzen Welt. Ein zentrales Thema für den Krieg ist der Zugang zu und die Ausbeutung von Rohstoffen. Der Osten des Kongos bietet zahlreiche natürliche Ressourcen, nach denen die ganze Welt giert. Diamanten, Coltan und Kupfer sind uns geläufige Beispiele. Auch Uganda und Ruanda sind im Kongo militärisch engagiert. Der Ishasha River war für unser Reisegrüppchen ein Schock. Wir hatten uns einen Fluss von afrikanischen Dimensionen vorgestellt, ein bisschen wie der Nil. Das Gewässer hat die Dimensionen der Wertach, die bei mir hinter dem Haus vorbeifließt. Über die Wertach komme ich bei Niedrigwasser trockenen Fußes, von Stein zu Stein springend. Nur gibt es im Allgäu keine schwer bewaffneten Kriegsparteien am anderen Ufer. Kaum ein Kilometer von unserem Camp entfernt hatten wir eine Siedlung passiert, ungewöhnlich in einem Nationalpark. Noch ungewöhnlicher war, dass keine Kinder herumsprangen, wir wurden nicht begrüßt. Es war kein Dorf, es war ein Stützpunkt der ugandischen Armee. Bei genauem Hinsehen konnte man gepanzerte Fahrzeug entdecken, schwere Waffen. Wir mögen das bitte nicht fotografieren, das sei für Uganda sicherheitsrelevant. Zwei Soldaten der Truppe wurden für unsere Gruppe abgestellt, mit Kalaschnikows und Zelt. Sie sollten für unsere Sicherheit sorgen, bauten ihr Lager direkt neben unser Camp. Nebenbei verdienten sie sich etwas dazu, indem sie mit uns auf Fußpirsch zu den Hippos gingen. Die gab es im Ishasha River in großer Zahl. Das war absolut spannend, zu Fuß durch den Busch zu streifen, kein Autoblech als Schutz zu haben, ganz dicht an die gefährlichsten Tiere Afrikas heranzukommen, auf Augenhöhe. Unsere Führer kannten die Gegend perfekt, waren mit dem Fluss vertraut und führten uns routiniert durch den Busch, auch dicht ans Wasser, brachten uns in direkten Kontakt zu den Hippos. Für den Augenblick ein echtes Highlight des Naturerlebens, direkter Kontakt zu den wilden Tieren, den Wald mit allen Facetten zu spüren, zu hören, zu riechen. Auf den zweiten Blick eine ernüchternde Erfahrung. Wir sind mit Soldaten unterwegs, deren Geschäft es ist, hier Krieg zu führen. Unser Verhältnis zur Natur ist extrem widersprüchlich. Wir suchen den Kontakt mit ursprünglicher Natur, sind fasziniert von der Vielfalt des Lebens. Was wir hier aber auch hautnah erleben, ist, wie die Gier nach Rohstoffen unmittelbar in bewaffnete Konflikte mündet. Die Natur ist die zentrale Quelle für materiellen Reichtum. Das Streben danach wirkt übermächtig, führt zu ungehemmter Gewalttätigkeit. Die Schätze der Natur zu kontrollieren, sich einzuverleiben ist ein so übermächtiges menschliches Bedürfnis, dass jede Aggression zugelassen wird.

 

Auch noch Schimpansen

Wir erholten uns in der Kingfisher Lodge vom Aufenthalt im Kriegsgebiet. Eine perfekte Hotelanlage, gelegen auf dem Rand des großen Afrikanischen Grabenbruchs mit freiem Blick über die endlos wirkende Savanne des Queen-Elizabeth-Nationalpark. Keine Siedlung, keine Industrieanlage, keine Infrastruktur beeinträchtigt den Ausblick, in der Ferne ragten die Berge des Kongo in den Dunst.

Ganz in der Nähe liegt der Kalinzu Wald, ein Rückzugsraum für Schimpansen. Wie bei den Gorillas gibt es habituierte Gruppen, die von Touristen besucht werden können. Es geht entspannter zu als bei den Gorillas. Wir treffen eine Rangerin, eine studierte Biologin, am Eingang zum Schutzgebiet, bekommen einige Verhaltensregeln mitgeteilt und starten in den Wald. Die Gruppe ist doppelt so groß wie bei den Gorillas, der Weg ist präpariert und fast ohne Steigungen. Nach einer halben Stunde hat unsere Rangerin schon das Ziel erreicht. In einer Baumkrone hoch über uns sitzt der Chef der Gruppe, ein imposantes Schimpansen-Männchen zusammen mit seinem besten Kumpel. Die beiden geben sich der gegenseitigen Körperpflege hin, lassen, solange wir da sind, nicht davon ab. So sei das bei diesen Affen, erfahren wir von unserer Rangerin. Chef der Gruppe sei das Tier, das am besten sozial vernetzt sei, viele und enge Beziehungen zu anderen Gruppenmitgliedern habe. Wer gut in Kooperation und Kommunikation sei, stehe an der Spitze. Wir hätten vielleicht die Vorstellung, dass die laut lärmenden, krawalligen und aggressiven Tiere die Führungsrolle einnehmen, das sei aber nicht so. Männliche Jungtiere fallen ja mit solchem Verhalten auf, Alpha Männchen hätten aber andere Fertigkeiten. Das seien die sozial kompetenten, nicht die stärksten und aggressivsten Tiere. Gut, wir sahen einen imposanten Schimpansen-Mann auf dem Baum sitzen. Er nahm uns wahr, kümmerte sich aber weiterhin um seinen Kumpel und der sich um ihn. Leider tauchte nur noch ein jüngeres Exemplar mit hellem Gesicht auf. Unsere Vorstellungen von unseren nächsten Verwandten sind geprägt von solchen Jungtieren, die schon mit Bernhard Grzimek vor der Kamera saßen und die uns in Werbeclips begegnen. Süß und niedlich. In Wahrheit sind erwachsene Tiere, speziell die Männer, für Menschen gar nicht gut zu handhaben, man sollte sie tunlichst in Ruhe lassen. So beließen wir es bei ordentlichem Abstand zu den besuchten Tieren. Wir verließen das Waldgebiet auf einem anderen Weg. Es gebe da tiefe Gruben, mit Wasser gefüllte Löcher, Vorsicht sei geboten, instruierte uns die Rangerin. Wir erwarteten eine Erklärung. Vielleicht Spuren vulkanischer Aktivität? Nein, das seien Reste wilder, illegaler Goldsuche in diesem Teil des Nationalparks. Die Gier nach Bodenschätzen hat auch hier ihre Spuren hinterlassen.

 

Am Nil

Der Murchison Falls Nationalpark ist das größte Schutzgebiet in Uganda. Zu entdecken gibt es im Park über 70 Säugetierarten, mehr als 450 Vogelarten und zahlreiche Reptilienarten wie das riesige Nilkrokodil. Der Nil stürzt in einer sieben Meter breiten Schlucht 42 Meter in die Tiefe, das sind die Murchison Falls. Diese Stelle fasziniert Afrikareisende seit Jahrhunderten, die Reiseliteratur ist voll von den Zeugnissen begeisterter Besucher. Mehrere Nächte verbrachten wir in der offenen Savanne im Norden des Parks direkt am Ufer des Nils. Der fließt als Victoria Nil von seinem Ursprung im gleichnamigen See in den Albert See, verlässt ihn aber gleich wieder als Weißer Nil. Es waren Tage im Zelt ohne touristische Infrastruktur, Afrika pur mit Blick auf den großen afrikanischen Strom, aber ohne Waschgelegenheit. Toilettengang mit dem Spaten, nach Absicherung gegen Tiere hinter Büschen oder auf dem Boden. Wir machten Pirschfahrten vor Sonnenaufgang und waren auch abends und in der Nacht unterwegs. Büffelherden, Antilopen, Giraffen, Elefanten, Löwen bei der Paarung, Leoparden in den Bäumen, Paviane, Warzenschweine, Vögel in unglaublicher Vielfalt. Auch zu Fuß hatten wir spannende Begegnungen. Gilt doch für Afrikasafaris die Regel, nie das Auto zu verlassen. Ohne schützendes Blech Elefanten und Büffeln zu begegnen, brachte eine gewisse innere Spannung mit sich, speziell, wenn sich diese Tiere nähern. Neugier, Angriff? Unser lokaler Ranger konnte das Verhalten der Tiere offensichtlich gut einschätzen, er dirigierte unsere Gruppe so, dass sich keine Konflikte entwickelten. Er hatte ja die ugandische Standardwaffe, eine Kalaschnikow, dabei. Kontakte zu Löwen oder Leoparden hatten wir während der Pirsch zu Fuß nie, das heißt wir haben diese Katzen nie wahrgenommen, sie uns vielleicht schon.

Auf dem Victoria Nil brachte uns das Boot bis unter die Murchison Falls. Wir bestiegen unser Boot an der neuen Nilbrücke, am alten Fähranleger. Der Nil fließt dort ruhig, breit und mächtig dahin. Die Uferzonen ziehen an uns vorbei als seien sie ein Naturtheater. Es scheint, als habe alles, was Beine oder Flügel hat, einen Auftritt, als wir langsam flussaufwärts nahe am Ufer vorbeigleiten. Zu Beginn der Tour sind es die Schreie der Vögel, die Elefanten, die Hippos, die wir hören und das leise Tuckern des Motors. Je länger wir flussaufwärts fahren, umso eindringlicher wird ein Rauschen aus dem Off, die Wasseroberfläche wird unruhig, immer mehr Schaum treibt am Boot vorbei. Wir nähern uns den Murchison Falls, das Rauschen wird infernalisch, übertönt schließlich alle anderen Geräusche, das Wasser schäumt wild. Krokodile liegen mit offenem Maul auf den Sandbänken, das Boot fängt bedenklich an zu schwanken, wir werden nass. Bis vor wenigen Jahren konnten die Boote direkt unterhalb des Wasserfalls anlegen, es gab einen Steig, über den man die Steilstufe zu Fuß überwinden konnte. Das geht seit den extremen Niederschlägen in den letzten Jahren nicht mehr, der Steig wurde zerstört.

Man wird auch hier nicht nur mit dem Klimawandel konfrontiert. Wer das Naturerleben sucht, ursprüngliche Landschaften und Tierwelten, so etwas wie letzte Abenteuer, kann gar nicht die Augen davor verschließen, dass auch in den abgelegensten Regionen, überall auf der Welt, ungebremst das Programm zur wirtschaftlichen Erschließung der Natur auf vollen Touren läuft.

Auf der Fahrt zum Murchison National Park veränderten sich die Straßenverhältnisse enorm. In der Region um Hoima fuhren wir über neu gebaute Schnellstraßen mit mehreren Fahrbahnen, Verkehr gab es kaum. Ganz in der Nähe unseres Campingplatzes am Victoria Nil verband eine neue Brücke die Flussufer, am alten Fähranleger lagen nur noch Touristenboote für die Fahrten zum Wasserfall. Jenseits des Flusses fuhren wir – gefühlt stundenlang – über eine Autobahnbaustelle. Die Schneise, die durch den Nationalpark geschlagen wird, die Arbeiten waren gerade in vollem Gange, reicht für eine Straße mit mindestens vier Fahrspuren. Chinesische Lastwagen, chinesische Baumaschinen, chinesische Ingenieure und Arbeiter prägten die Baustelle.

Es geht um Öl. Ölfunde unter dem Lake Albert gab es im Jahr 2006. Der Straßen- und Brückenbau, auf den wir stießen, dient der Erschließung dieser Bodenschätze. Das ugandische Ölprojekt, Kernstück ist die East African Crude Oil Pipeline (EACOP), wird betrieben vom französischem Ölkonzern Total, vom chinesischen Staatskonzern CNOOC und von den Staaten Uganda und Tansania. Die beiden Ostafrikanischen Staaten halten jeweils 15 Prozent der Anteile. 62 Prozent sind in Händen des französischen Konzerns. Das Öl soll über 1444 Kilometer durch eine Pipeline nach Tanga, Tansania, bis an die Küste gepumpt werden und von dort auf den Weltmarkt kommen. Am Rande und bemerkenswert: Das Europäische Parlament hat in einer Resolution vom 15. 9. 2022 die internationale Gemeinschaft aufgefordert, Druck auf die Regierungen in Uganda und Tansania auszuüben, um den Bau der Pipeline noch zu stoppen. Was machen Ölvorkommen und Ölexport mit afrikanischen Ländern? Uganda erwartet einen Entwicklungsschub für das Land, ein Ende von Armut und Mangel. Was entwickelt sich tatsächlich? Nigeria, weltweit sechstgrößte Exportnation für Rohöl, steht für Korruption, politische Instabilität, Ausbreitung von Krankheiten, Rückgang der Lebenserwartung, Armut und Umweltzerstörung. Länder, die Rohstoffe exportieren und an der Wertschöpfung durch die Verarbeitung dieser Rohstoffe nicht teilhaben, erleben typischerweise keinen wirtschaftlichen Aufschwung. Auf jeden Fall ist das Schutzgebiet bei den Murchison Falls extrem gefährdet, das Öl wird mitten im Nationalpark gefördert, dort entsteht die nötige Infrastruktur.

Das wäre nicht die erste Störung des Schutzgebiets. Nationalparks, Schutzgebiete, Reservate – wie immer die Regionen auch benannt werden – kommen durch politische Entscheidungen in die Welt. Es sind keine naturgegebenen Phänomene. Der Vorläufer des Nationalparks um die Murchison Falls wurde Anfang des 20ten Jahrhunderts als Bungo Wildlife Reserve gegründet. Zuvor hatte die Schlafkrankheit die Menschen, die in der Region lebten, heimgesucht, Überlebende flohen aus ihrer Heimat. Die Epidemie hatte ein weitgehend menschenleeres Gebiet hinterlassen.

1951 hat John Huston die Außenaufnahmen zum Film „African Queen“ im Park gedreht, die Hauptdarsteller und die ganze Filmcrew reisten nach Uganda. Humphrey Bogart gewann 1952 den Oscar für seine darstellerische Leistung. Katharine Hepburn, weibliche Hauptdarstellerin, schrieb 1987 ihre Abrechnung mit dem Buch „African Queen oder Wie ich mit Bogart, Bacall und Huston nach Afrika fuhr und beinahe den Verstand verlor“. Als wir auf unserer Reise durch Masindi kamen, überredete ich Paul, unseren Fahrer, zu einem Zwischenstopp in der Stadt. Dort war die Filmcrew im Masindi Hotel untergebracht gewesen. Wir hielten in der Hauptstraße, Paul konnte aber das Hotel nicht finden. Im Reiseführer stand, es sei saniert und geöffnet. Eigentlich wollte ich auf einen Gin Tonic an die Bar. Die Tageszeit hätte aber nicht gepasst und Paul musste noch fahren und trank sowieso keinen Alkohol. Wir fuhren ohne Drink weiter nach Kampala.

Dieser Exkurs ist keine abwegige Schnurre. Natur, Wildnis, gefährliche Tiere sind für die Unterhaltungsindustrie Quellen, aus denen sie schöpft, Spannung erzeugt. Im Film bestehen die Akteure die Passage durch als unpassierbar geltende Stromschnellen, sie leiden unter Stechmücken und Blutegeln, verlieren die Orientierung in einem Labyrinth aus seichten Wasserläufen und undurchdringlichem Schilf. Der Kampf gegen die Natur, das Bestehen gegen alle Widrigkeiten, ist ein wesentlicher Handlungsstrang in diesem Film. Die Weltliteratur, Malerei, Film bearbeiten dieses Sujet seit ihren Anfängen. Typischerweise ist es der Mann, der in die Welt zieht, die Prüfungen durch die Natur besteht. Er kehrt gereift, geläutert und stark als Held zurück. Über unser Verhältnis zur Natur können wir daraus viel lernen.

Nach den Dreharbeiten zu “African Queen“ erlebte das Wildlife Reserve eine positive Entwicklung. 1954 erhielt es das Label Nationalpark, es entwickelte sich zu einem der bestgeführten und bekanntesten Schutzgebiete Afrikas. Die Bestände aller Arten entwickelten sich positiv. Von beiden Arten des Breitmaulnashorns gab es Ende der 1960er Jahre Vorkommen.

Die politische Instabilität, die nach der Machtübernahme durch Idi Amin das Land beutelte, hat dieses Schutzgebiet nachhaltig geschädigt. Er setzte dem Tourismus ein Ende. Der Park schloss 1972, die Infrastruktur verfiel, Wilderei war an der Tagesordnung, die Tierbestände wurden dezimiert. Auch in den Jahren nach Amin besserte sich die Lage nicht, das Leiden und Sterben setzte sich fort, bei Menschen und Tieren. Erst mit Museveni, der Ende der 1980er Jahre Präsident wurde, besserte sich die Lage. Allerdings gab es nur noch Reste der ursprünglichen Tierbestände. Nashörner, Rothschild Giraffen und Afrikanische Wildhunde waren ausgerottet, touristische Einrichtungen zerstört. 30 Jahre später kann man als Besucher diese Geschichte kaum glauben. Man erlebt Tiere in großer Zahl, die offene Landschaft, das Grenzenlose, den ungebändigten Nil.

 

Fleisch essen

Ich besuchte Uganda in der Weihnachtszeit. Am ersten Weihnachtsfeiertag fuhren wir durch Dörfer. In jeder Ansiedlung hingen frisch geschlachtete Rinder an Gestellen oder Bäumen.  Menschen warteten in Reih und Glied. Alle erhielten Teile von den Tieren. Sie packten Fleisch und Knochen ein und gingen nach Hause. Ja, das sei in dieser Gegend so üblich in Uganda an Weihnachten, erklärte Fred, unser Guide. Einmal im Jahr gönne man sich Rindfleisch, das sei etwas ganz Besonderes. Die Bewohner der Dörfer tun sich dazu in Gruppen zusammen und füttern über das Jahr gemeinsam ein Rind groß. Am Jahresende wird das Tier aufgeteilt. Rindfleisch könnten sie sich sonst nicht leisten. Unsere Beziehung zur Natur drückt sich in unserem Verhältnis zu unseren Nahrungsmitteln aus. Es ist in Uganda ganz anders als bei uns. Für Fleisch essende Westtouristen gilt Rindfleisch als jederzeit verfügbar, wo es herkommt, interessiert uns wenig.

Uganda ist nicht wie die anderen Staaten Ostafrikas von den Folgen der Dürre der letzten Jahre betroffen. Grund dafür ist, dass die traditionelle afrikanische Anbauweise explizit gefördert wird. Kleinbauern werden unterstützt, es werden heimische Sorten angepflanzt, Felder sind dreidimensional angelegt, das Vordringen der industrialisierten Landwirtschaft wurde gestoppt, in den fruchtbaren Regionen gibt es keine Monokulturen. Für unsere Reisegruppe bedeutete das, dass wir jeden Tag auf einem Markt stoppten. Unser Koch ging auf Einkaufstour und besorgte lokale frische Lebensmittel. Fleisch gab es auch, stand aber nie im Mittelpunkt des Speiseplans.

 

Kein Spaß

Am Nil erlebte ich einmal mehr die andere Seite der Natur, dass Afrika keineswegs ein Vergnügen ist. Nach einer Pirschfahrt am Abend kamen wir in der Nacht bei Windstille zurück ins Camp. Myriaden von Mücken fielen über mich her. Sie fraßen mich förmlich auf, bedeckten die Haut, drangen in jede unbedeckte Körperöffnung ein. Unerträgliches Kribbeln auf der Haut, Juckreiz, Kratzen. Das Mückenspray kam zu spät zum Einsatz, war wirkungslos. Ich war eingetaucht in die Welt der Insekten, hilflos dem Krabbeln ausgesetzt. Tieren, die wir wenig wahrnehmen und auf keinen Fall spüren wollen. Insekten sind die artenreichste Lebensform auf unserem Planeten. Aber jetzt am Nil wären wir noch so gerne am Lagerfeuer gesessen. Hätten den Geschichten zugehört. Etwa über den Honigdachs, der zwei Geparden erledigt hat. Oder über den Angriff eines Leoparden auf ein Motorrad mitsamt Fahrer. Aber an diesem Abend war die Natur wieder einmal unerträglich, Insekten besiegten das Wohlbefinden. Es blieb nur der Rückzug ins mückendichte Zelt. Die Insekten sind nicht nur lästig, sie bedrohen Gesundheit und Leben. Andererseits gehören Insekten zur Natur, sie sind unverzichtbar, die Welt funktioniert ohne Insekten nicht. Es ist eine Illusion, wir könnten uns aus der Natur die uns angenehmen Seiten herauspicken.

 

Die letzten Rhinos

Nashörner können in der Wildnis Afrikas nur noch unter bewaffnetem Schutz überleben. Der Jagddruck durch Wilderei ist extrem hoch. Die Hörner erzielen auf dem Schwarzmarkt exorbitante Preise, für Wilderer besteht trotz aller Risiken ein enormer Anreiz. In Uganda lebte ab den frühen 1980er Jahren kein einziges Nashorn mehr. Vom Nördlichen Breitmaulnashorn gibt es noch zwei weibliche Tiere, von bereits verstorbenen männlichen Tieren gibt es tiefgefrorenes Sperma, durch künstliche Befruchtung wurden Embryonen gewonnen, für die Leihmütter benötigt werden. Die noch lebenden weiblichen Tiere seien zu alt oder zu krank, um noch Nachwuchs austragen zu können. Ob die Nachzucht mit Leihmüttern, die zur Unterart des südlichen Breitmaulnashorns gehören, gelingt, gilt als offen. Vom Südlichen Breitmaulnashorn gibt es Bestände. Ein Projekt zur Wiederansiedlung dieser Tiere wurde in Uganda in den 1990er Jahren gestartet. Von privater Hand wurde ein geeignetes Areal von 70 Quadratkilometern zur Verfügung gestellt, das 2004 mit einem Elektrozaun komplett eingezäunt wurde. Das Ziwa Rhino Sanctuary war gegründet. 2005 kamen die ersten sechs Tiere im Schutzgebiet an, das erste Nashornbaby kam 2009 zur Welt, 2021 war der Bestand auf 33 Tiere angewachsen. Die Nashörner werden 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche von bewaffneten Rangern begleitet.

Für uns Afrikatouristen ein überwältigendes Schauspiel. Ranger führen die Besucher, wenn gewünscht, zu Fuß durch das Schutzgebiet. So standen wir nach weniger als einer Stunde Fußmarsch durch die Savanne recht unvermittelt vor mehreren Exemplaren. Eine Mutter mit Jungem suhlte sich in einer Schlammgrube. Mehrere ältere Tiere hatten vor uns einen Auftritt – man kann es fast nicht anders ausdrücken. Die Ranger dirigierten uns so im Gelände, dass es zu keinen Konflikten kam, sie kannten das Verhalten ihrer Schützlinge genau. Nashörner sind gewaltige Tiere, mit ihren Hörnern wirken sie wie Kampfmaschinen, wir sind vermutlich von Vorurteilen gesteuert, diese Tiere seien besonders gefährlich. Die Rhinos bewegten sich mit einer tänzerischen Leichtigkeit um uns herum, es wirkte wie Schaulaufen. Beweglichkeit und Eleganz passten auf den ersten Blick gar nicht zu den massigen Körpern, den großen Köpfen und kurzen Beinen. Rhinos sind Grasfresser und friedliche Tiere – solange es nicht in der Paarungszeit gegen Rivalen geht. Da in diesem Schutzgebiet die Rhinos nicht bedroht werden – ausgewachsene Tiere haben außer dem Menschen keine Feinde - sind solche Begegnungen auf Augenhöhe möglich. Unser Campingplatz war durch eine massive Stahlkonstruktion vom Schutzgebiet abgegrenzt, das war mehr als ein Zaun. Morgens gab es freie Sicht auf die Rhinos, die, begleitet von Madenhackern und Kuhreihern um unser Gehege herum grasten. Afrika pur. Es war ein ganz besonderes Frühstücksprogramm. Dieses Schutzgebiet baut auf den Tourismus, neben dem Campingplatz gibt es Lodges und Restaurants für die Besucher. Auch Einrichtungen zur Informationsvermittlung, speziell an Schulkinder, sind vorhanden. Nur ist es so, dass parallel zu diesem Nachzuchtprogramm zwischen 2018 und 2021 geschätzt mehr als 2700 Nashörner der Wilderei zum Opfer fielen.

 

Ein Kontinent der Krankheiten

Die Reise war eine Flucht vor Covid19. Getrieben von der Sehnsucht nach Alltag ohne Maske, ohne Tests, ohne Krankheitszahlen, ohne Impfgegner. Kann man vor Krankheiten fliehen? Gehören sie nicht zur Natur, zu unserer Natur? Man kann vor Krankheiten nicht fliehen, sie gehören in unsere Welt, auch das lehrt uns eine Reise durch Uganda. Das Ebolafieber ist wie Covid19 eine Viruserkrankung, wie Covid19 eine Zoonose, weit tödlicher als Covid19. Die durchschnittliche Fallsterblichkeitsrate liegt bei über 50 Prozent. Seit 1976 war Uganda mehrfach von Ausbrüchen des Ebolafiebers betroffen, zuletzt im September 2022. Wie in anderen afrikanischen Staaten kann die Krankheit in Uganda jederzeit wieder auftreten. Die Afrikanische Schlafkrankheit hat in Uganda schon zur Entvölkerung und Verwüstung ganzer Regionen beigetragen. Sie wird von Parasiten hervorgerufen, die von der Tse-Tse-Fliege übertragen werden. Die Krankheit ist nicht ausgerottet, Epidemien sind jederzeit möglich, begünstigt durch politische Instabilität und Flüchtlingsbewegungen. Malaria wird ebenfalls durch Parasiten hervorgerufen, die von Stechmücken der Gattung Anopheles übertragen werden. Uganda ist wie alle tropischen und subtropischen Länder Afrikas betroffen. Es ist die häufigste Infektionskrankheit der Welt. Aktuell spricht die Weltgesundheitsorganisation von 200 Millionen Erkrankten pro Jahr und von 600 Tausend Todesfällen. Wer in Uganda reist, ist damit konfrontiert, dass wir vor Krankheiten nicht fliehen können, dass sie zu unserer Natur gehören. Krankheiten wie Malaria oder Schlafkrankheit sind nicht ausgerottet und neue Krankheiten können jederzeit auftreten. Je mehr wir in die noch unberührten Reste der Wildnis eindringen desto stärker sind wir gefährdet. Nicht nur Covid19 und Ebola sind Zoonosen. Auch Aids sprang von Tieren auf Menschen über. Darunter leidet das südliche Afrika, von den westlichen Industrienationen kaum beachtet, bis heute.

So war Uganda: Es gab überwältigende Eindrücke, Natur war in ursprünglicher Form zu erleben. Aber auch alle Krisen, die die Natur und die Menschen bedrohen, sind unmittelbar sinnlich zu erfahren, wenn man bereit ist, die Augen zu öffnen: Politische Instabilität, wirtschaftliche Gier, soziale Krisen, Verlust an Biodiversität, Klimawandel, Zoonosen.