Alaska, die letzte Grenze - 2016
„Die Uhr des Lebens tickt … einfach ausbrechen … sich treiben lassen im Rhythmus unserer Natur … abseits der bekannten Wege im Einklang mit der Natur leben … die Geheimnisse der Wildnis entdecken“.
Mit Sätzen wie diesen wirbt die Reiseindustrie um uns. Alaska ist eines der angesagten Ziele für derlei Begehren, das Angebot für die unterschiedlichsten Naturbedürfnisse ist umfassend. Es gibt für die Suchenden Pauschalreisen mit frei wählbarem Komfort, um Bären, Wale, Wölfe, Elche und Otter zu erleben, den in den Himmel entrückten Denali zu bestaunen, Kälte, Nässe und arktische Weite zu spüren. Wir können uns genauso gut individuell auf den Weg machen: Es stehen beispielsweise voll ausgestattete Campingmobile, die eigenen Beine, Kanu oder Hundeschlitten als Fortbewegungsmittel zur Verfügung. Wir können uns von Buschfliegern nach Belieben in der Wildnis aussetzen (und wieder abholen) lassen. Es steht uns aber auch offen, unser Leben im Dickicht der Städte hinter uns zu lassen, alles zu verkaufen und zu kündigen und den Einklang mit der Natur zu suchen, um dann ursprünglich und im eigenen Rhythmus zu leben, ausgeliefert den Regeln der Natur. So radikal handeln wenige, für die Mehrheit bleiben die kleinen Fluchten: Urlaub, Reisen, Expeditionen, eingepasst in die Termine der Verpflichtungen in Familie und Beruf.
Am Fahrkartenschalter. Mit beschränkter Zeit und relativ stabilem Einkommen gibt es genügend Reiseanbieter, die für jeden Bedarf die nötige Dosis Natur anbieten, in mehr oder minder großer Distanz zu den Objekten der Begierde. So hatte auch ich mich einem Reiseanbieter angeschlossen, um Sehnsuchtsziele in Alaska zu erreichen. Manchen Menschen sind konsequenter. Einen von dieser Sorte durfte ich in Talkeetna kennenlernen. Mit Svenja aus Zürich plante ich, ganz ohne Bespaßung durch die Reiseleitung, einen Trip mit dem Zug. Der Name: „Hurrican Turn Train“. Es hieß, dies sei einer der letzten „Flag Stopp Trains“. Das heißt, der Zug hält auf Verlangen dann, wenn an potenziellen Stopps eine Flagge gesetzt wird. Die erste Überraschung gab es aber schon, als wir die Fahrkarten lösten. Svenja war an ihrem Dialekt auch auf Englisch leicht als Schweizerin zu erkennen. Und so wurde sie dann auch bedient am Schalter. Ja, er käme auch aus der Schweiz, habe sie gleich als Landsfrau erkannt. Er lebe schon seit über 20 Jahren in Alaska. Er habe das geregelte, saubere, berechenbare Leben in seiner Heimat sattgehabt, Svenja lächelt ein wenig zustimmend. Sein Job, er sei ein studierter Informatiker gewesen, habe ihn angeödet. Von seinem Einkommen, durchaus weit über dem Durchschnitt, habe er substanzielle Rücklagen gebildet. Ende der 1990er Jahre sei das gewesen. Er wollte in die Wildnis, von seiner Hände Arbeit leben, raus in den Wald, an den Fluss. Jagen, Fischen, Beeren und Pilze sammeln. Ein Stück Land abstecken, ein eigenes Haus bauen, autark leben, weit weg von Nachbarn. Das Leben, die Natur richtig spüren. Das sei damals noch gegangen, in Alaska. Schließlich sei er mit Frau und Tochter hierher ausgewandert, ohne Rückflugticket, seine Immobilie in der Schweiz habe er verkauft. Er habe sich noch in Zürich ein Buch besorgt „Sachen machen aus Holz“, er sei ja gar kein Handwerker gewesen, vorher. Den ersten Winter habe die Familie in einem Pensionszimmer in Talkeetna überstanden. Dann habe er ein Stück Land gesucht und sein Haus gebaut, er sei aber bis zum nächsten Winter nicht fertig geworden, sie seien trotzdem eingezogen, fast erfroren seien sie, ohne die Hilfe von Nachbarn hätten sie keine Chance gehabt. Dann sei es langsam aufwärts gegangen. Er habe tatsächlich Fische gefangen, habe sich ein Gewehr angeschafft, Schießen gelernt, sei auf die Jagd gegangen, habe das Haus fertig bauen können, habe es isoliert, er habe Hilfe bekommen. Es schien fast so, als würde sich sein Traum erfüllen. Aus der Wildnis habe er aber nie leben können, das habe die Natur nicht hergegeben oder er sei zu ungeschickt dafür gewesen, er kenne Leute, die hätten da ein besseres Händchen dafür. Er hatte genug Ersparnisse mitgebracht, es sei schon gegangen für einige Zeit. Seine Frau habe das aber als Dauerzustand nicht ertragen, es sei so anders gewesen als sie es sich noch zu Hause vorgestellt hatte, sie sei schließlich zurück in die Schweiz. Die Tochter sei ihm geblieben, die studiere jetzt in Fairbanks, wolle auf längere Sicht nicht so leben, wie er es sich einmal erträumte. Schließlich wurden auch die Rücklagen immer knapper, da kam der Job bei der Eisenbahn gerade recht. Er wohne jetzt in Talkeetna, habe fließendes Wasser und Heizung, bekomme alles, was er braucht im Laden. Er sei jetzt der Stationsvorstand im hiesigen Bahnhof, verkaufe auch Fahrkarten, wenn es einmal Kunden gibt.
Auf der Fahrt zum Umkehrpunkt vor der Hurricane Bridge erlebten wir wie ein Flagg Stopp Train funktioniert. Einige Touristen wie wir saßen im Zug, dann gab es noch wilde Gestalten, Männer und Frauen mit entschlossenem Gesichtsausdruck. Und jede Menge Material, verpackt in Kisten und Säcken, aber auch offen transportiert. Bretter, Balken, Eisenträger, Maschinen, Bleche, Werkzeug, solche Sachen, nichts für die Freizeit. Wir wussten, auf der Strecke bis zu unserem touristischen Ziel gab es keinen regulären Haltepunkt, keine Ansiedlung, nur Busch. Der Zug hielt dann alle paar Meilen, immer wieder gaben ein paar Leute im Gepäckwagen Bescheid, der Zug stoppte, Material wurde aus dem Waggon geladen, landete neben den Schienen, meist war ein Trampelpfad zu erkennen, der vom Ausladepunkt im Dickicht verschwand, sich zwischen Büschen und Bäumen verlor. Manchmal war so etwas wie ein Haus oder eine Hütte zu erahnen, weit weg von den Schienen. Dorthin zog es die Männer und Frauen, die aus dem Zug ausstiegen, in die Wildnis. In diesem Fall mit Bahnanschluss, aber sonst nur zu Fuß erreichbar, weit weg von jeder zivilisatorischen Infrastruktur. So eine Heimstatt hatte sich auch unser Schweizer Bahnangestellter ursprünglich ersehnt, schließlich auch errichtet und mit seiner Familie bewohnt, ohne ein dauerhaftes Familienglück zu finden. Das, was wir an Gebäuden sehen konnten, war roh, wirkte improvisiert, unfertig. Vieles wurde – typisch für Alaska – lediglich von starkem Klebeband zusammengehalten. Man hatte den Eindruck, die Menschen in der Wildnis leben auf einer Baustelle. So sah dann das ursprüngliche Leben in der Natur aus. Die große Sehnsucht für manche Menschen? Eine noch größere Enttäuschung, wenn man am Ziel war?
Kupfer. Kennicott und McCarthy sind zwei Siedlungen, mitten im Wrangell-St.-Elias-Nationalpark gelegen. Dort gibt es zu Sommeranfang eine gute Gelegenheit, eine größere Population solcher Menschen, die einen Weg zurück in die Natur suchen, Männer wie Frauen, kennenzulernen. Diese Orte, man kann kaum tiefer in der Wildnis gelangen, machen heute sinnlich erlebbar, wie die Beziehung von Menschen zur Natur gestaltet sein kann. Es gibt die kompromisslose Ausbeutung natürlicher Ressourcen, wir finden das Bestreben, die Natur zu bewahren, und die Sehnsucht von Menschen nach einem autarken Leben in Einklang mit der Natur.
Die erste Geschichte: Im Jahr 1900 entdeckten die Prospektoren Jack Smith und Clarence Warner einen Kupfergang in der Nähe der späteren Siedlungen. Das Erz wies einen Kupferanteil von 70 Prozent und Spuren von Silber und Gold auf. Das Kupfererzvorkommen stellte sich als das zu dieser Zeit ergiebigste der Welt heraus. 1903 stiegen J.P. Morgan und die Guggenheims – Namen, die wie keine anderen für einen ungezügelten Kapitalismus stehen - als Investoren ein und gründeten die Kennecott Copper Corporation. 1908 begann der Bau der Bergwerke, 1911 ging die erste von insgesamt fünf Gruben in Betrieb. 1938, als der Betrieb nicht mehr profitabel war, wurden die letzten Gruben wieder geschlossen. Die Copper River and Northwestern Railway verband die Bergwerke mit Cordova am Golf von Alaska, von wo das Erz verschifft wurde. Nach 27 Jahren des Bergbaus verließ der letzte Zug Kennicott am 10. November 1938. Die Strecke verfiel, die Schienen sind inzwischen komplett abgebaut, eine große Brücke und ein Teil der Bahntrasse werden heute für den Autoverkehr genutzt. Bis Ende der 1960er Jahre war Kennicott verlassen, eine Geisterstadt. Ein Großteil der Gebäude steht bis heute, hauptsächlich in Form von einsturzgefährdeten Ruinen, viele Maschinen wirken in all ihrem Rost, als habe man sie gerade erst abgestellt. Dieses Bild steht für den Umgang des Kapitalismus mit der Natur. Schnell und gegen alle Widerstände rein, rausholen was Profit verspricht, zurückziehen, wenn es unergiebig wird. Abraum, Gebäude, Müll bleiben zurück.
Die zweite Geschichte: 1978 wurde Kennicott in das National Register of Historic Places aufgenommen und entwickelte sich langsam, aber beständig zur touristischen Attraktion. Der Ort liegt mitten im Wrangell-St.-Elias-Nationalpark, gegründet 1980. Innerhalb des Parks gibt es Schutzzonen mit drei Niveaus des Schutzes. Die Wrangell-Saint Elias Wilderness mit 36.730 Quadratkilometer weist das höchste Niveau von Naturschutzgebieten in den Vereinigten Staaten auf. Sie ist die Kernzone des Nationalparks und die größte Wilderness Area der USA. Zusammen mit angrenzenden Schutzgebieten in Alaska und Kanada umfasst das Gebiet 97.124 Quadratkilometer, es gehört seit 1994 zum Weltnaturerbe, es ist eines der weltweit größten Schutzgebiete überhaupt. Neun der sechzehn höchsten Berge der Vereinigten Staaten liegen im Wrangell-St.-Elias-Nationalpark. Dabei der 1930 zuletzt ausgebrochene, 4316 Meter hohe Vulkan Mount Wrangell und der unmittelbar am Golf von Alaska gelegene Mount Saint Elias mit 5489 Meter. Unzählige Gletscher befinden sich im Nationalpark. Dabei das größte subpolare Eisfeld und der längste Gletscher Nordamerikas. Zur Großtierwelt dieser riesigen und von der Zivilisation kaum berührten Wildnis zählen Wölfe, Schneeziegen, Schwarzbären, Grizzlybären, Elche und Karibus. Es gibt eine der größten Populationen des Dall-Schafs sowie zwei hier wieder angesiedelte Bisonherden. Möglicherweise gibt es auch Pumas im Park. In den Küstengewässern leben Wale, Seeotter, Seehunde und Seelöwen. Etwa 80 Prozent der Landfläche besteht aus Schnee, Eis und Felsen. Man sieht: Jenseits von rein wirtschaftlichen Profitinteressen können Menschen mit der Natur auch ganz anders umgehen, es gibt eine große Bereitschaft, die Natur reinen Profitinteressen zu entziehen. Nicht weit vom Park entfernt liegt Valdez. Genau, Exxon Valdez, dieser Name steht für eine der größten Umweltkatastrophen des ausgehenden zwanzigsten Jahrhunderts. …
Die dritte Geschichte: Der Wrangell-St.-Elias-Nationalpark ist verhältnismäßig gut an das Straßennetz in Alaska angebunden, auch wenn es im Park selbst nur zwei kurze Straßenabschnitte gibt. Die McCarthy Road führt 98 Kilometer von Chitina bis McCarthy, sie nutzt eine Holzbrücke der alten Bahnstrecke und verläuft im Wesentlichen entlang der alten Bahntrasse. Die andere Strecke ist die Nabesna Road. Diese Straßen vermitteln den Zugang für Touristen und auch für Zivilisationsflüchtlinge mitten hinein in die Wildnis. Sie finden am Rande des Nationalparks Niederlassungsmöglichkeiten in der Wildnis und versuchen mit mehr oder minder großem Erfolg ihren Traum vom Leben in der Wildnis zu verwirklich. Jagen, fischen, sammeln von Beeren und Pilzen, eine eigene Behausung bauen. Autonom sein, von der Natur leben, das unverstellte Leben intensiv spüren. Es geht um starke Gefühle, es geht um Lebendigkeit, um unsere emotionale Beziehung zur Natur. Menschen gehen diesem Bedürfnis auf Zeit oder auf Dauer nach. Anfang Juli treffen sich viele der Flüchtlinge auf einem Freigelände bei McCarthy. Man kann bis dahin mit dem Auto anreisen, normale PKW leiden sehr auf der Schotterstraße, die meisten Autovermieter erlauben die Fahrt über diese Strecke nicht. Ein Punkkonzert findet statt. Bands aus Anchorage und Fairbanks spielen auf einer schnell zusammengezimmerten Bühne. In einem abgesperrten Bereich wird Bier ausgeschenkt, es gibt so etwas wie akrobatische Vorführungen. Bärtige Männer sitzen biertrinkend in Badewannen. Es hat ein wenig von einem Jahrmarkt. Und es treffen sich Menschen, die sonst versteckt und zurückgezogen in den Wäldern leben, die sich ihre Claims abgesteckt haben, sich selbst versorgen. Aus ihnen besteht das Publikum, vermischt mit Angestellten aus der Nationalparkverwaltung, die den kurzen Sommer über hier leben, und mit einigen Dutzend Touristen, die wegen dieses Festes anreisen oder rein zufällig vor Ort sind. Die Musik ist laut und roh, die Stimmung kocht auf, die Nacht bleibt hell und mild in dieser Jahreszeit. Schon am nächsten Morgen findet man praktisch keine Spuren mehr von diesem Festival. Man kann dabei ganz besonders erleben, wie Menschen ihre emotionalen Bedürfnisse durch ein Leben in der Natur zu regulieren suchen.
Aber sie haben eine Rückversicherung. Die hat eine konkrete Gestalt: In McCarthy steht ein Rettungswagen. Bei medizinischen Notfällen ist zumindest der Transport über die McCarthy Road in die nächste Klinik gesichert, ganz unabhängig vom Flugwetter und dem Zustand der lokalen Landepiste.
Bären faszinieren Menschen in besonderem Maße. Wie sonst könnte man die Reiseindustrie verstehen, die sich entwickelt hat, um Touristen zu den Bären in ihren angestammten Habitaten zu bringen. Beispielsweise in den Katmai National Park. Mit einem Linienflug erreicht man King Salmon, per Wasserflugzeug geht es weiter nach Brooks Camp. Dort gibt es alles, was der Bärentourist braucht. Eine Lodge mit Bar, Cafe und Restaurant, Hütten für relativ komfortable Unterkunft und einen Zeltplatz für Besucher mit schmalerem Budget.
Unser Bild vom Bären stammt von dort. Die Grizzlys, die in den Stromschnellen stehen und warten bis ihnen die Fische ins offene Maul fliegen, werden dort fotografiert. Von Brooks Camp nach Brooks Falls, nicht wirklich Wasserfälle, ist man eine halbe Stunde zu Fuß unterwegs. Man bewegt sich im Bärenland. Was heißt, Bären können einem jederzeit über den Weg laufen. Die Stromschnellen bieten die sensationelle Gelegenheit, Bären beim Lachs fischen zu beobachten. Die Nationalparkverwaltung hat Plattformen eingerichtet, die eine ungehinderten Blick auf die Tiere erlauben. Der Ausblick ist fantastisch, überwältigend. Ganz nah, ohne begrenzenden Zaum, stehen die Grizzlys im Fluss und fangen Lachse. Genau dieses Bild hat man im Kopf, wenn man die Vorstellung Bären in Alaska aktiviert. Man teilt den Ausblick lediglich mit einem Dutzend weiterer Bärenbeobachter. Die meisten ausgerüstet mit Kameras und Objektiven von einiger Brennweite. Man hat ein ganz besonderes Ziel für ein unmittelbares Naturerleben erreicht. Ich besuchte diesen Hotspot mit meinem Reisepartner mehrfach, man konnte sich kaum losreißen vom Geschehen. Es ist ständig etwas los an den Brooks Falls. Riesige männliche Grizzlys behaupten für sich die besten Stellen in den Stromschnellen. Es gibt tatsächlich Standorte, an denen sie das Maul offenhalten und warten bis ein Lachs hineinfliegt, dann geben sie ihren Platz kurz auf und fressen ihren Fang. Jüngere männliche Tiere haben andere Strategien, sie dürfen noch nicht an die komfortablen Fangplätze. Sie rennen fast spielerisch, für uns wirkt es tollpatschig, durch das flachere Wasser unterhalb der Stromschnellen und werfen sich mit vollem Körpereinsatz auf Fische, die ihnen zu nahekommen, auch das mit Erfolg. Alle Bären achten auf Abstand zu anderen Individuen. Eigentlich mögen Bären diese Nähe zu ihren Artgenossen gar nicht, sie halten die anderen wohl nur aus wegen des überbordenden Angebots an fetten Fischen. Auch weibliche Tiere mit Nachwuchs finden sich ein. Zunächst verstecken sie ihre Jungen auf Bäumen oder hinter Büschen, auf jeden Fall außer Sichtweite für die erwachsenen Männchen. Dann suchen sie einen Platz, der gerade nicht besetzt ist, bloß keinen Ärger, scheint ihr Motto zu sein. Zum Fischfang haben sie weniger Zeit und Aufmerksamkeit, überwachen sie doch ständig die Lage, ob sich männliche Tiere nähern, ob ihre Jungen noch in Sicherheit sind. Aber auch sie sind erfolgreich mit den Lachsen. Es ist ein ununterbrochenes Fressen. Ich bin gefesselt von diesem Anblick. An jedem Tag, den wir im Brooks Camp sind, stehen wir stundenlang auf der Plattform, und sind nicht allein.
Die letzte Wildnis? Wenn man den richtigen Blickwinkel wählt, lässt sich Alaska als letzte Wildnis erleben. In Alaska erfahren wir auch welche Bedrohungen in der Natur lauern. Die Zerstörung der Natur, die Ausbeutung natürlicher Ressourcen können wir in Alaska sehen.
Alaska ist Teil des pazifischen Feuerrings, ein Vulkangürtel, der den Pazifik umgibt. Im geologisch jüngsten Teil der Erdgeschichte, im Holozän, ereigneten sich in dieser Region weltweit die meisten Erdbeben (90 Prozent) und Vulkanausbrüche (70 Prozent).
Der Vulkan Novarupta brach 1912 aus, erst Untersuchungen im Jahr 1950 deckten auf, dass ein bis dahin unbekannter Vulkan ausgebrochen war. Es war eine der heftigsten Eruptionen der Menschheitsgeschichte. Opfer waren nicht zu beklagen. Überreste des Ausbruchs bildeten das Valley of Ten Thousand Smokes, das Tal der zehntausend Rauchsäulen. Vom Berg selbst war nach der Explosion und dem Einsturz der Caldera nichts mehr vorhanden. Um das Tal mit den zahlreichen Fumarolen zu schützen, wurde das Gebiet um den Mount Katmai, neben dem Ausbruchsherd gelegen, und das Valley of Ten Thousand Smokes zum Nationalpark erklärt. Im Tal sind gut 60 Quadratkilometer mit vulkanischer Asche verfüllt, die Mächtigkeit beträgt 100 Meter und mehr. Die gesamte Region liegt weitab von besiedelten Gebieten, von touristischem Interesse sind die Brooks Falls mit Lodge und Campingplatz, einer der Bären-Hotspots in Alaska. Von dort fuhr ich während meines Besuchs bei den Bären mit einem Schulbus, einer Rangerin und sechs weiteren TouristInnen zwei Stunden bis zu einem Aussichtspunkt, von dem aus sich das ganze Szenario erschloss. Im Vergleich zum Hype um die Bären ist so ein Naturereignis wenig interessant. Soweit das Auge reicht: Asche in Gelb und Braun in allen Variationen. Nur langsam breitet in dieser kalten Region wieder Vegetation aus. Wasserläufe haben sich im Lauf der über einhundert Jahre tief in die Ascheschicht eingegraben. Zu Fuß kann man durch die Asche in den Talgrund absteigen, bizarre Formen sind herausgewittert. Eine Wanderung, die ein Gefühl dafür vermittelt, welche Energien aus dem Erdinnern freigesetzt werden können und die Oberfläche komplett umgestalten. Dieses Ereignis geschah an einem extrem abgelegen Ort und forderte keine Opfer, es wurde es von der Menschheit praktisch nicht rezipiert. Dennoch leben wir mit dieser Bedrohung. Es gibt Vulkanologen, die für die Phlegräischen Felder bei Neapel ähnliche Szenarien vorhersagen. Warnungen werden nicht wirklich zur Kenntnis genommen. Aktive Vulkane bieten ein Naturerleben wie es unverfälschter und intensiver nicht sein kann. Es sind aber auch Ereignisse, bei denen wir hautnah erleben, wie fragil unsere Existenz ist, wie wenig wir die Kontrolle haben, wie hilflos und ausgeliefert wir sind. Es hilft uns nur die Flucht, wenn wir erste Signale einer drohenden Katastrophe richtig interpretieren.
52 Jahre später, am 27. März 1964 forderte ein Erdbeben 131 Menschenleben und richtete Schäden in Höhe von 500 Millionen Dollar an. Das Beben war das bis dato stärkste in den USA. Die Orte Valdez und Chenega wurden durch das Beben und den folgenden Tsunami zerstört, ebenso die Häfen von Valdez und Cordova. Die Orte wurden später in höherer Lage wiederaufgebaut.
Als ich 2016 mit einer Fähre von Whittier durch den Prinz William Sund nach Valdez fuhr, waren im Meer Robben und Seeotter zu beobachten, die Schwanzflosse eines Wals schlug aufs Wasser, Seevögel gab es reichlich zu entdecken, in den Uferbäumen hatten Weißkopfseeadler ihre Nester. Fischer kreuzten den Kurs der Fähre, Freizeitboote, Segler waren unterwegs, von den Ufern aus wurde Lachs geangelt. Das Wasser wirkte makellos, Pure Natur?
Die Exxon Valdez war nach diesem Ort benannt, Valdez ist bis heute der Verladehafen für das Alaska-Öl. Ein Tanker, über 300 Meter lang, ausgelegt für eine Zuladung von 214.000 Tonnen, gebaut in Einhüllen Bauweise. Auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht von Valdez liegt das Terminal der Trans-Alaska-Pipeline. Ölförderung gab es damals nur an der Küste zum Nordpolarmeer. Die Pipeline führt über der Erde quer über den gesamten Bundesstaat bis nach Valdez. Dort legte das Schiff, beladen mit fast 200.000 Tonnen Rohöl am Abend des 23. März 1989 ab. Kurz nach Mitternacht lief es auf ein Riff. 40.000 Tonnen Rohöl strömten ins Meer und verseuchten 2000 km Küste und töteten hunderttausende Fische, Seevögel und andere Tiere. Der erste Eindruck, den man als Tourist hat, täuscht. Tatsächlich hatte sich der Prinz William Sund bis 2016 nicht von dem Schaden erholt, Das gilt auch noch 10 Jahre später. Die Heringsfischerei hatte nicht wieder aufgenommen werden können. Tiere vergiften sich nach wie vor schleichend über die Nahrungsaufnahme. Reste des Öls befinden sich immer noch im Ökosystem. Aufgrund der niedrigen Wassertemperaturen dauert der biologische Abbau der schädlichen Inhaltsstoffe des Öls viel länger als in wärmeren Breiten. Exxon war nach dem Unfall in Gerichtsverfahren wegen Straf- und Schadensersatzzahlungen verwickelt. Der Konzern bezahlte für die Reinigungsarbeiten. Schließlich gab es 2008 ein Gerichtsurteil, das den Geschädigten einen Schadensersatz zuerkannte, der dem Nettogewinn, den der Konzern gerade in diesem Jahr innerhalb von vier Tagen erzielte, entsprach. Ein Hinweis darauf, welcher Wert der Natur zuerkannt wird, wenn es gilt private Gewinne zu verteidigen.
Ja, es gibt die letzte Wildnis in Alaska. Immer noch? Und wir erleben in dieser Wildnis unverstellt, wie Menschen mit ihr umgehen. Eine Geschichte des Kupfers habe ich bereits erzählt. Nachdem das Erz abtransportiert war blieben Ruinen, Müll, Abraum und Zerstörung zurück. Die Profite landeten auf den Konten einiger weniger Investoren. Auch vom Geschäft mit dem Öl vergrößert den Reichtum einiger weniger Kapitaleigner. Menschen holen aus der Natur, was sie zusammenraffen können, hinterlassen Zerstörung und Mangel. Sich zu beschränken ist keine Eigenschaft von Menschen. Gleichzeitig soll die Natur den Menschen paradiesische Zustände bieten. Tatsächlich ist die Natur unberechenbar, voller Gefahren, nicht zu kontrollieren. Dies führt uns Alaska vor Augen, wenn wir es sehen wollen.
Alaska gilt als Hot-Spot für Sportfischer, Lachsangler. In der Bristol Bay wird der Lachsfang kommerziell betrieben. Der Alaska Wildlachs in unseren Supermärkten wir dort gefangen. Fangquoten und -zeiten sind reglementiert. Kommerzielle Lachfangboote erhalten nur für wenige Wochen ein Permit für den Lachsfang. Rund um die Uhr sind die Schiffe in dieser Zeit im Einsatz. Die Besatzung, nur für den Lachsfang angeheuert, arbeitet ohne Pause. Männer, so gut wie ausschließlich, die diesen Job machen, suchen schnell verdiente Dollars. Noch mehr geht es um Abenteuer, brutales Naturerleben, Beweise der eigenen Stärke und Männlichkeit, des persönlichen Durchhaltevermögens. Der Lachsfang wird, wie ein Krieg gegen die Natur zelebriert, Heldengeschichten werden geschrieben. Nach zwei Wochen fliegen die Männer wieder nach Hause, Pappkartons mit einigen filetierten Fischen im Handgepäck und einigen Tausend Dollar in der Tasche. Als ich nach dem Besuch bei den Bären von King Salmon, dem wichtigsten Hafenort an der Bristol Bay, nach Anchorage zurückflog, warteten Dutzende Männer in der Flughafenbaracke auf ihren Flug. Emotional hoch aufgeladen. Sie hatten gerade ihren Kampfeinsatz gegen die Lachse und die Natur überlebt, herausgeholt so viel wie ging. Einige trugen T-Shirts mit dem Aufdruck „commecial fishing turns good guys into assholes“.