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Steppenlandschaft in Botswana

Afrika im Kopf

Wer nach Afrika reist und nicht die Augen verschließt, muss sich mit diesen Phänomenen auseinandersetzen: Wir träumen von fremden Menschen, exotischen Ländern, unentdeckten Landschaften, wilden Tieren – manche der Träume erfüllen sich sogar. Das Bild von Afrika ist für viele von uns das der offenen Savannenlandschaften, durch die große Herden wilder Tiere streifen. Daneben gibt es Dörfer, die von Menschen in bunter Kleidung bevölkert werden, freundliche Kinder winken uns zu, wenn wir im offenen Geländewagen vorbeifahren. Vieles finden wir so vor, wie wir es uns in der Fantasie vorgestellt haben. Wir fühlen uns wie die Abenteurer und Entdecker, die ihre Geschichten mit Büchern und Filmen in unsere Köpfe transportiert haben. Aber es ist ein schlechter Beigeschmack dabei. Womöglich war ich jetzt bei den letzten, die – gerade im Murchison Falls Schutzgebiet – diese Landschaft und die Tierwelt noch erleben konnten. Indem ich reise und erlebe, trage ich zur Zerstörung meiner Reiseziele bei. Andererseits sichert nur der Tourismus den Bestand mancher Biotope und Arten, wie den Bergregenwald mit den dort lebenden Gorillas. Klar ist, andere, wirkmächtigere Akteure haben durchschlagenderen Einfluss. Wo die Agenten des Kapitalismus regieren, bleibt am Ende kein Raum für die Natur. Dahinter steht unser aller Gier nach Wohlbefinden und Energie. Unser Konsumverlangen kennt keine Bremse und macht am Ende alles platt.


Und wie ist Afrika wirklich? Ist Afrika der Kontinent des Mangels, der Krisen, der Instabilität, der Unregierbarkeit? Verhungern dort Menschen und warten auf Hilfe aus dem Norden, die ihre Rettung organisieren? Woher stammen unsere Bilder und Vorstellungen? Wie verzerrt ist unsere Wahrnehmung? Was stimmt an unseren Urteilen über Natur, Menschen und Kultur dieses Kontinents?


Das mit der Natur mag stimmen. Die Landschaften unserer Fantasien können wir finden, mit allem, was dazugehört. Undurchdringliche dampfende Wälder, offene Savannen, schneebedeckte Gipfel, Wüsten. Dazu eine Tierwelt, die es sonst nirgends auf diesem Planeten gibt. Für uns Touristen richten sich auch einige Afrikaner her und präsentieren uns das wilde Afrika in bunten Kostümen, mit Trommeln, Tanz und Gesang und mit ein bisschen Voodoo. Wir in Süddeutschland kennen solche Aufführungen auch. Bei uns verkleiden sich ganze Metropolen zu manchen Zeiten mit Trachten, nehmen kollektiv Drogen ein, hören laute Blasmusik und führen eigenartige Tänze auf, oft verbunden mit Gewaltexzessen. Während der Fasnacht gibt es wilde Umzüge von Hästrägern und ohrenbetäubenden Lärm. Das alles sei Brauchtum, lebendige Tradition. Wer es denn glauben will.


Ein Kontinent der Not, des Hungers, des Elends, der Gewalt, der Kinder, der Hilflosigkeit, der Korruption. Diese Vorstellungen aktiviert der Name Afrika. Damit verbunden ist die Idee, dass es heute mehr denn je der weißen Retter bedarf, um die Not in Afrika zu lindern. Dipo Faloyin (2023) widmet diesem Narrativ ein ganzes Kapitel in seinem Buch „Afrika ist kein Land“. Er stellt fest, dass es bei Hilfsaktionen wie „Invisible Children“, „USA for Africa“ oder Bob Geldofs „Live Aid“ in erste Linie darum geht, dass sich weiße Retter präsentieren und wohl fühlen können, wenn sie die sentimentale Erfahrung machen, hilfreich zu sein. Faloyin stellt klar, dass all diese Kampagnen ein absolut einseitiges Afrikabild bedienen und festigen. Afrika sei ein Ort der Angst und des Schreckens, an dem nichts wächst. Bewohnt von Menschen, die sich nicht selbst helfen können. Der Song „Do they know it`s Christmas“: Ein Ausdruck des blanken Rassismus, der eine paternalistische Denkweise über Afrikaner offenbart, die gerettet werden müssen, vor sich selbst.


Das echte Afrika? Afrika ist nach Asien der zweitgrößte Kontinent unseres Planeten, es hat eine Fläche von 30.221.532 Quadratkilometern. Damit macht es mehr als ein Fünftel, der gesamten Landfläche der Erde aus. Unsere Vorstellung von Afrika ist verzerrt durch die sogenannte Mercator-Projektion, die im 16. Jahrhundert für Seekarten entwickelt wurde. In dieser Darstellung wirkt Afrika wie ein Anhängsel, das unterhalb von Europa auf der Erdkugel hängt. Eine vollkommen unzutreffende Darstellung der wahren Größenverhältnisse. Afrika umfasst ein riesige Landmasse mit einer unfassbaren Vielfalt an Landschaften, Tieren, Pflanzen und Ethnien. In Afrika liegen einige der größten Städte unserer Erde. Von den zehn am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Erde liegen sieben in Afrika. Auch in Afrika gibt es Start-Ups im Hochtechnologiebereich. In Kampala und Kigali entwickeln Informatiker Software für Industrieländer. In Lagos sind international agierende Konzerne und Banken beheimatet. Im Fußball und in der Leichtathletik ist Afrika eine Weltmacht. Was wäre der deutsche Sport ohne seine Athleten mit afrikanischen Wurzeln? Die Musikszene in Lagos übertrifft die aller europäischen Hauptstädte. In Nigeria werden mehr Filme produziert als in Hollywood, nur Indien ist noch produktiver. Es gibt eine blühende Kunst- und Literaturszene in allen afrikanischen Staaten. In Kampala und Nairobi entsteht Mode, die weltweit Anerkennung findet. Die afrikanische Küche bietet unvergleichliche Geschmackserlebnisse und verzaubert jeden Gourmet. Auch in Afrika fällt Schnee, es gibt Gletscher, in Marokko lockt wunderbarer Afrikafirn Skitourengeher auf die Viertausender des Hohen Atlas. Zur Wahrheit gehört auch, dass Afrika am stärksten vom Klimawandel betroffen ist. Zur Konzentration von klimaschädlichen Gasen in der Atmosphäre hat der Kontinent nur marginal beigetragen.


Afrika ist ein Kontinent alter Kulturen, von entwickelten Gesellschaften. Hochkulturen gab es in Ägypten und im heutigen Sudan Jahrtausende, bevor sich vergleichbares in Europa entwickelte. Die Kolonialzeit ist die Geschichte der Zerstörung dieser Kulturen und des Raubs der Kunstschätze. Bénédicte Savoy (2021) hat in ihrer Monografie „Afrikas Kampf um seine Kunst“ die schier endlose Liste der Plünderungen europäischer Kolonialmächte ins Bewusstsein der Täternationen in Europa gerückt. Koloniale Raubzüge, vor allem in den Jahrzehnten nach der Berliner Kongo Konferenz von 1884, führten dazu, dass heute 90 Prozent des materiellen kulturellen Erbes Afrikas in Museen und Privatsammlungen außerhalb Afrikas lagert. Die großen Museen des globalen Nordens präsentieren heute ausgewählte Stücke dem Publikum. In der Hauptsache liegen die geraubten Werke heute in Magazinen, versteckt und weggesperrt, der Öffentlichkeit unzugänglich. Die Museen selbst haben wenig Wissen und Verständnis für die Artefakte in ihrem Besitz.


Seit ihrer Unabhängigkeit kämpfen afrikanische Staaten um die Rückgabe der geraubten Kulturgüter. Bisher fast immer erfolglos. Es ist die Geschichte systematischen Rassismus. Es ist die Geschichte der Erfindung einer grotesken Moral, nach der es einem höheren Zweck dient, Diebesgut zu behalten. Dieser Vorgang wirft ein Schlaglicht darauf, wie mit den Ressourcen der Welt umgegangen wird, wenn militärische Macht und technische Mittel verfügbar sind. Sie werden in Besitz genommen, geraubt, gehortet und gegen drohende Verluste erbittert verteidigt. Dieses Schema finden wir auch im Umgang mit der Natur.


Unsere Wahrnehmung ist verzerrt. Wir sehen die Welt nicht, wie sie ist, sondern begegnen ihr mit Voreinstellungen, blenden aus, was nicht in unser Schema passt, und fokussieren uns auf das, was unseren Ressentiments entspricht. Dazu kommt, dass wir es lieben, in die Rolle des Wohltäters zu schlüpfen, zumindest in unserer Fantasie. Faloyin (2023) zitiert hierzu Teú Cole: „Der weiße Retter unterstützt morgens brutale politische Entscheidungen, gründet nachmittags Wohltätigkeitsorganisationen und erhält abends Auszeichnungen.“ Mit dieser Haltung begegnen wir auch der Natur. Afrika und die Natur benötigen aber keine Retter, sondern Respekt.


Was zeichnet uns als Menschen aus, was ist unsere Natur, wenn man sich selbst kritisch hinterfragt, wenn man zur Kenntnis nimmt, wie wir leben? Wir unterscheiden uns, aber manche Haltungen und Verhaltensstile dominieren, bestimmen wie wir mit unserer Welt umgehen. Ein entscheidendes Moment ist das Bedürfnis nach Lusterleben. Verbunden damit ist, negative Gefühlszustände, um jeden Preis zu vermeiden. Ein Grundbedürfnis, das in allen Taxonomien menschlicher Bedürfnisse eine prominente Rolle spielt. Menschen wollen sich gut fühlen. Nahezu untrennbar daran gekoppelt ist das Bedürfnis, sich selbst positiv zu beurteilen. Sehr gerne sprechen wir Sätze wie „wieder einmal alles richtig gemacht“ laut aus oder versichern uns mit der inneren Stimme, dass wir gut sind. Natürliche Ressourcen sind die Hauptquelle für gute Gefühle. Je mehr wir konsumieren, desto besser der emotionale Zustand, jede Bedrohung, sei sie auch nur vermutet, löst Gegenmaßnahmen aus. Wir verhalten uns wie spielende Kinder. Tätigkeiten und Zustände, die Wohlbefinden auslösen, wollen wir immer und immer wiederholen. Und wie Kinder, die ihr Spielzeug so lange malträtieren, bis es kaputt ist, gehen wir auch als Erwachsene mit den Quellen für unser gutes Gefühl um. Wir lassen das, was zu einen Wohlfühlzustand führt, nicht in Ruhe, bedrängen es so lange, bis es zerstört ist. Dann ziehen wir weiter zum nächsten Objekt, zur nächsten Aktivität. Wir hinterlassen eine Spur der Zerstörung.