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Salzsee in Bolivien

Reisen nach Südamerika, 1980 - 2022

Ein letztes Mal nach La Paz

Es war meine fünfte Reise nach Südamerika. Im November 2022 wollte ich noch einmal die Region besuchen, von der ich bei früheren Aufenthalten noch nicht genug gesehen hatte, so dachte ich. In den Norden Chiles, die Atacama Wüste, nach Bolivien, auf den Altiplano, zu den schneebedeckten Vulkanen und dem riesigen Salzsee. Die Wochen vor dem Start legte sich eine bleierne Lustlosigkeit auf mich. Ich wollte nicht packen. Gut zehn Jahre war es her, als ich zuletzt zu so einer Reise aufgebrochen war. Was hatte sich verändert? Nun war der Abflugtermin so nahe gerückt, dass ich nicht mehr von der Reise zurücktreten konnte. Ich war gesund, hatte viel trainiert, aber keinen Auftrieb.

 

Unter Männern

In dieser Stimmung stand ich am Flughafen Frankfurt. Beim Einchecken entdeckte ich mehrere Männer, die von Gestalt, Aufmachung und Gepäck her möglicherweise zu meiner Reisegruppe gehörten. Ich spürte große Abneigung. Ich wollte diese Typen nicht kennenlernen, wenigstens so spät wie möglich. Mir war klar, was auf mich zukam, ich gehörte doch auch zu dieser Sorte Männer. Bis zum Umsteigestopp in Sao Paulo kam ich ohne Kontaktaufnahme durch. Im Wartebereich vor dem Anschlussflug kam es dann zum ersten Gespräch unter Männern. „Du gehörst doch sicher auch zu der Expedition zum Sajama. Ich bin Martin.“ Ich konnte ja nicht schweigen, blieb aber ziemlich einsilbig. „Ja stimmt“. Martin wollte gleich ganz viel wissen. „Warst du schon öfter mit dem Veranstalter unterwegs?“ Nach kurzem Nachdenken konnte ich die Frage beantworten. „Ja, zweimal schon“. Das war zu wenig für Martin. „Welche Gipfel hast du gemacht?“ Hakte er nach. Ich nahm mir vor, jetzt auf die Bremse zu treten. „Die letzte Reise war auf die Kapverden. Da war ich schon auf dem Fogo. Das war aber ein Wanderurlaub mit Kultur, gutem Essen und Wein“. Für meinen neuen Bergkameraden war das zu wenig. „Und früher, warst du schon auf höheren Bergen?“ Er verlangte etwas, das mich für diese Reise legitimierte. „Ja, mit dem Veranstalter war ich schon in Afrika, auf dem Kilimanjaro, ist schon 15 Jahre her.“ „Hast du den Gipfel geschafft?“ Das musste jetzt geklärt werden. „Ja, bis zum Uhuru Peak“. Jetzt hatte ich erst mal wieder Ruhe. Auf dem Weiterflug nach Santiago saß keiner meiner neuen Bergkameraden in der Nähe.

Die Gruppe bestand aus neun Männern, ich war mit 66 der Älteste, aber richtig junge Kerle waren nicht dabei, keiner war unter 50. Alle waren seit Jahren auf der Jagd nach hohen Gipfeln, weltweit. Einige hatten schon erheblich mehr hohe Ziele abgehakt als ich. Manche waren bisher nur mit Bergführer unterwegs gewesen und ohne persönliche bergsteigerische Expertise. Mit Männern unterwegs sein zu müssen, in denen ich meine eigenen Obsessionen und Fehlentwicklungen erkennen konnte, ich ahnte, dass dies das Thema dieser Reise sein würde.

 

Atacama und Altiplano

In Santiago vermied ich die geführte Stadtbesichtigung mit der Gruppe zusammen. Ab dem nächsten Tag war dann nichts mehr zu machen, ich musste mich anschließen. Weiterflug nach Arica. Dort trafen wir Mats, unseren Bergführer und Reiseleiter für die nächsten drei Wochen. Wir fuhren mit dem Bus durch die Atacama-Wüste nach Socoroma, ich war endgültig im Pauschaltourismus angekommen. Zwei Fotostopps und die trockenste Wüste der Erde ist abgehakt. Socoroma ist eine traditionelle Aymara-Siedlung. Nach endlosen Stunden im Flugzeug, zwei Nächten ohne ausreichenden Schlaf und der Zeitumstellung kam jetzt eine heftige Umstellung auf uns zu. Raus aus dem Auto, den Tagesrucksack packen und loswandern bis nach Putre, schon auf über 3500 Meter gelegen. Es war mühsam und schweißtreibend, unter der tropischen Sonne Tritt zu fassen. Nach den Reisetagen war die Natur mit allen Sinnen zu spüren, die Höhe machte atemlos. Putre, für drei Tage unsere Basis. Tage mit überwältigenden Naturerlebnissen. Wir besuchten den Lauca Nationalpark, der Lago Chungara liegt auf 4600 Meter Höhe. Flamingos, Vicunas, Lamas, Andengänse, Farben, Licht. Eine Kette von Vulkanen, die höheren schneebedeckt, mehrere über 6000 Meter hoch, erhebt sich über dem Altiplano. Über sie verläuft die Grenze zu Bolivien. Deswegen bin ich hierhergekommen. Diese Weite zu erleben, dieses Licht, diese freistehenden Berge. Es ist alles da. Und meine Aufmerksamkeit wird von etwas anderem in Beschlag genommen, ist nicht offen für die Landschaft, die Tiere und Pflanzen, das klare Licht in der großen Höhe – es ist der Geruch.

Ja, Geruch. Ich bilde mir ein, dass ich aus einem Land, aus einer Jahreszeit, immer einen Geruch nach Hause mitbringe und dauerhaft abspeichere. Im Riechen bin ich ganz schlecht, aber immer wieder lösen aktuelle Geruchsempfindungen Erinnerungen aus, die einen ganzen Film vor meinem inneren Auge ablaufen lassen. Ich habe dann den Eindruck, ich sei wieder in der Gegend, an die mich der Geruch erinnert.

In Putre waren wir an der Pforte zum Altiplano. Der Altiplano ist wie Tibet ein archaisches, magisches Land, ein Land des Lichts in großer Höhe. Die Hochebene liegt zwischen der der östlichen und westlichen Kordillere. In der westlichen Kordillere gibt es starke vulkanische Aktivität, Vulkane erreichen heute weit über 6000 Meter Höhe. Vom Süden Perus, erstreckt sich die baumlose Hochlandsteppe über Bolivien bis in den Norden Argentiniens und Chiles. Die durchschnittliche Höhe beträgt über 3600 Meter, die Fläche 170.000 Quadratkilometer. Es gibt besiedelte Regionen in weit über 4000 Meter Höhe, der Altiplano gehört zu den höchstgelegenen von Menschen bewohnten Gebieten der Erde. Die Bevölkerung ist indigen geprägt, Aymara und Quechua. Es finden sich alte Kultstätten und Reste alter Hochkulturen, weit vor der Inka Zeit. Tiwanaku, südlich des Titicacasees, ist eine große Fundstätte. Religiöse Riten und spirituelle Zeremonien aus vorkolonialer Zeit haben sich bis heute erhalten oder mit christlichen Elementen vermischt. Für manche westlichen Touristen ist dies von besonderem Interesse.

Pachamama ist der zentrale Begriff, der die Religion der indigenen Völker der Anden zwischen Ecuador und dem Norden Chiles kennzeichnet. Pachamama gilt den Völkern der Quechua und Aymara in den Anden als personifizierte Erdmutter, die das Leben schenkt, die nährt, schützt und zu der eine spirituelle Bindung hergestellt werden kann. Es ist diesen Völkern die allmächtige Göttin, die allen Kreaturen das Leben schenkt und für sie sorgt. In dieser religiösen Orientierung offenbart sich eine andere Beziehung zur Natur, als wir sie in unserem westlichen Verständnis kennen. Die Menschen in den Anden sehen sich als Geschöpfe der Natur, als Kinder der Erdmutter. In dieser indigenen Auffassung von unserer Welt gilt das Land als etwas, das nicht zum persönlicher Besitz gehören kann. In der indigenen Vorstellung ist Grund und Boden ein gesamtheitliches Territorium, ein Lebensraum, den sich der Mensch mit der Natur teilt. Uns ist so eine Haltung sehr fremd, nicht nachfühlbar, wir lernen andere Grundsätze und Ideen. Für uns gehört die Natur zu den Dingen, über die wir verfügen können. In der ecuadorianischen Verfassung von 2008 wurde dieses indigene Prinzip aufgenommen, seither können Rechte der Natur vor Gericht eingeklagt werden. Tatsächlich gelang es Gruppen der indigenen Bevölkerung, seither Projekte, die auf die Ausbeutung von Bodenschätzen abzielten, zu verhindern.

In der Begegnung mit indigenen Menschen komme ich seit über vierzig Jahren in eine Sprach- und Verständnislosigkeit. Ist es möglicherweise so, dass man als westlicher Mensch in einem rigiden Wahrnehmungs- und Kommunikationsstil gefangen ist, Werte und eine Sicht auf die Natur mitbringt, die nicht zum Leben und den Ideen indigener Menschen passen? Sie scheinen uns fremd, exotisch. Wir entwickeln rasch einen neokolonialen und imperialistischen Habitus, sind überzeugt, aufklärerisch auftreten zu müssen, Impulse für Verhaltensänderungen setzen zu müssen. Für mehr Effektivität, Wirtschaftlichkeit, Geschwindigkeit, Zielorientierung, solche Dinge. Dabei kennzeichnen vielleicht genau diese Punkte das Problem, das wir haben. Es könnte ja sein, dass die Lösung unserer Probleme darin besteht, von der Haltung, die Indigene der Natur entgegenbringen, zu lernen, uns an deren Überzeugungen zu adaptieren, wenigstens ein bisschen.

Meine aktuelle Aufmerksamkeit wird aber durch die Umstände der Reise gebunden. Von den Männern, mit denen ich unterwegs bin. Von der Art und Weise, wie wir das Land bereisen. Von Mats, unserem Reiseleiter und Bergführer, von dessen spezieller Persönlichkeit. Ich sehe die Natur in Chile und Bolivien, habe aber ein anderes Thema im Kopf, nicht die Berge, Tiere und Menschen des Altiplano. Ich sehe Männer, die all das konsumieren, die sich wie Karikaturen aufführen, sehe meine eigene Geschichte, mein eigenes Verhalten.

Männer sind oft der Meinung, sie seien geborene Sieger und Eroberer, sie spielen diese Rolle, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bietet. Männer sind im Wettkampf, messen sich mit anderen Männern. Männer brauchen Bestätigung, sie müssen ununterbrochen über sich ihre Taten und Erfolge reden. Zuhören können sie nicht. Männer werden krank. Sie gehen über ihre Grenzen und brechen zusammen, wenn es zu viel ist. Ein Gefühl für ihre Grenzen haben sie nicht. Es tut mir leid, wenn ich jetzt Herbert Grönemeyer zitiert habe, ich habe es zu spät bemerkt, dachte es seien meine eigenen Worte.

Es gab keine Pause, keinen Fotostopp, den meine Reisegefährten nicht für Selfies nutzen, immer in Siegerposen. Daumen nach oben, Brust raus, Körpergröße optimieren, die Arme hochreißen, den Blick in die Ferne richten. So in der Art. Auch wenn sie nur auf einem Parkplatz standen. Auf den Gipfeln wurden für die Fotos und Videos zusätzlich Banner und Fahnen entrollt. Die ganze Welt wurde umgehend über die Taten informiert, sobald man ein Netz hatte.

 

Im Auto unterwegs

Ohne Flüge kein Naturerleben? Von Frankfurt nach Santiago de Chile. Umsteigen in Sao Paulo. Nach einer Übernachtung ein Inlandsflug nach Arica im Norden Chiles. Dort steigen wir um ins Auto. Wir legen riesige Distanzen mit dem Auto zurück, abseits der wenigen asphaltierten Hauptstrecken auf Schotterpisten, meist in Allradfahrzeugen. Ich saß während dieser Reise viel länger im Auto, als ich zu Fuß gegangen bin. Die entlegensten Regionen lassen sich mit Allradfahrzeugen erreichen. An den Vulkanen im Grenzgebiet zwischen Chile und Bolivien gibt es Pisten bis in über 5000 Meter Höhe. 5000er werden zum Halbtagesausflug, 6000er lassen sich als Tagestour vom Hotel aus besteigen. Voraussetzung ist eine ausreichende Höhenanpassung. Dafür war auf dieser Reise genügend Zeit eingeplant gewesen. Alpinistische Schwierigkeiten sind an den Vulkanen gering, in der Regel steigt man in einer Kolonne hinter dem Führer in Richtung Gipfel, manchmal sind Steigeisen nötig.

Jeder Aufstieg ist ein Wettbewerb. Habe ich verlernt in einer Gruppe zu gehen? Es fiel mir so schwer mit diesen Männern. Gehen, der Aufstieg zu Fuß, mit Steigeisen im steilen Firn, im Winter mit Tourenski ist für mich meditativ, wenn es mir gelingt, das passende Tempo zu finden, wenn sich Atmen und Steigen zu einem guten Rhythmus verbinden. Ich empfinde dann ein Gefühl von Stetigkeit und Sicherheit, auch wenn es anstrengend ist, kommt eine Gelassenheit auf und die Überzeugung, endlos weiter gehen zu können. Dieses Gefühl löst sich auf, wenn die Zeit wichtig wird, wenn ein Wettbewerb entsteht. Wer ständig den Auftrag verspürt, andere überholen zu müssen, an die Spitze zu kommen, sich unter keinen Umständen einholen zu lassen, ist im Kampfmodus, ein Flow Gefühl hat da keine Chance.

Paul, einer meiner Bergfreunde auf Zeit, erklärt mir nach der ersten Tour ungefragt: „Weißt du, das ist bei mir schon immer so. Wenn ich mit dem Rennrad unterwegs bin, ich entdecke jemanden vor mir, dann erhöhe ich die Trittfrequenz, den muss ich überholen, das gebe ich alles, gehe an meine Grenzen.“ - „Macht das denn Spaß?“ Meine Frage dazu. „Es geht doch nicht um Spaß, es geht ums Gewinnen, nur darum geht es doch im Leben. Und beim Bergsteigen muss ich der erste am Gipfel sein.“ Okay, das war geklärt. „Deswegen sind wir doch hier. Drei Sechstausender mit so wenig Urlaub, wer schafft sowas schon?“ Hält mir dieser Kerl einen Spiegel vor. Ja, das steckte auch in mir, diese Haltung. Aber sie gab mir nicht mehr genügend Auftrieb, oder ich war einfach zu alt, um mitzuhalten. Mit dieser Gruppe mochte ich nicht gehen, mich an ihr Tempo anpassen. Ich brauchte auch mehr Zeit zum Schauen und zum Fotografieren, verlor ganz schnell den Anschluss. Die Männer wollten es schließlich nicht nur den zu Hause gebliebenen zeigen; in der Gruppe ging es auch darum, Tempo zu machen.

Wir saßen auf dieser Reise länger im Auto und im Hotel beim Essen oder Biertrinken, als dass wir uns draußen in der Natur bewegt hätten. Die Gespräche drehten sich um Geschwindigkeit, Zeiten, erreichte Gipfel, deren Höhen und um die Exotik der bereisten Länder. Gespräche waren es eigentlich nicht, zugehört hat keiner, es ging nur darum, möglichst ohne Unterbrechung plappern zu können, sich selbst zu hören. Daraus gewinnen wir ja die Gewissheit unserer selbst, wir freuen uns daran zu reden, unser Heldenradio einzuschalten.

Suriplaza, ein Vulkangebiet mehr als zwei Autostunden von Putre entfernt. Der Gebirgszug strahlt in einer Buntheit, wie ich sie noch nie in einem Gebirge erlebt habe. Leuchtende Gelb und Rottöne, Farben in vielen Schattierungen, die Bergflanken wirken wie gigantische Grafiken mit ihren Streifenmustern. Sie glühen im Sonnenlicht. Wir fuhren mit unserem Bus über Schotterpisten bis an den Fuß des höchsten Punktes der Region. Nach 300 Meter Aufstieg hatten wir den ersten 5000er der Reise erstiegen. Gelegenheit für Fotos in Siegerpose. Arme zum Himmel, Daumen nach oben, entschlossener Blick in die Ferne. Und Paul zeigte im Abstieg durch feines vulkanisches Geröll seine Begeisterung für die Speed Disziplin. Mit weiten Sprüngen bewältigte er den Abstieg, den Rest der Gruppe ließ er weit hinter sich. Er strahlte über das ganze Gesicht: Erster.

Yareta-Pflanzen, extrem langsam wüchsige Wüstenpflanzen, waren in dieser abgelegenen Region noch häufig zu finden. Auch große, sehr alte Exemplare waren dabei. Im Bestand sind die Pflanzen gefährdet. Die großen Polster wirkten wie aus einer anderen Welt, unser Interesse daran war beiläufig.

Mit dem Auto so schnell und so nah wie möglich an die Ziele ran. In guter Zeit den spektakulären Hotspot unter die Füße nehmen. Siegerpose. Dann schleunigst zum nächsten Objekt. So laufen Naturreisen ab. Auch bei Veranstaltern, die mit ihrem Engagement für Umwelt- und Artenschutz werben.

 

Topleute unter sich

Mats Petersson, unser Guide, gebürtig aus Kopenhagen, dreizehnjährig mit den Eltern, beide Ärzte, nach Bolivien ausgewandert. Vater Däne, Mutter aus den Anden. In La Paz habe man ihn auf die Deutsche Schule geschickt, was Dänisches habe es nicht gegeben, seither sei er eben auch auf Deutsch unterwegs. Ich hatte noch auf keiner Reise einen Reiseleiter oder Guide, der so um das Wohlergehen seiner Kunden bemüht war. Alle Transporte pünktlich und zuverlässig, die Unterkünfte bestens. Zu allen Gelegenheiten gute Verpflegung, immer um beste Unterstützung bemüht, viel mehr als zu erwarten war. Die Ortskenntnisse perfekt. Dann gab es noch andere Facetten seiner Persönlichkeit. Er sei schon lange Jahre Bergführer, habe sein Zertifikat in Chamonix erworben. Vorher habe er Medizin studiert, in La Paz, sei auch Arzt. Sein Vater sei einer der besten und bekanntesten Ärzte in Bolivien gewesen, in dessen Fußstapfen habe er nicht treten wollen. Als er in Bolivien mit dem Bergsteigen angefangen habe, habe er darin seine Zukunft gesehen. Er sei auch Maschinenbauer, habe das Fach auch studiert und in La Paz einen eigenen Betrieb. Eine Einzelkämpferausbildung habe er beim bolivianischen Militär absolviert. Heute trainiere er dort die Elitesoldaten. Seine Familie sei ihm sehr wichtig. Vier Kinder von drei Frauen sei der Stand. Am glücklichsten seien alle, wenn sie mit ihm zusammen sein könnten. Untereinander verstünden sich alle super. Er selbst lebe jetzt in einer Wohnung in La Paz. Aus steuerlichen Gründen sei er formal arbeitslos. 42 Jahre alt ist Mats. Der Mund bleibt einem offen stehen, wenn man diese Vita hört.

Nach den Tagen in Putre ging es nach Bolivien. Zunächst auf der gut ausgebauten Straße, die von Arica, Boliviens wichtigstem Zugang zum Meer, ins Hochland bis nach La Paz führt.

Die Küstenregion zwischen Arica und Antofagasta hatte bis zum Salpeterkrieg (1879–1884) zu Peru (die Region um Arica) und Bolivien (das Gebiet um Antofagasta) gehört, Peru und Bolivien wurden von Chile militärisch geschlagen, Bolivien ist seither ein Binnenstaat. !904 wurde mit Chile ein zollfreier Zugang zu den Häfen Arica und Antofagasta vereinbart. Chile baute Bahnlinien von den Hafenstädten ins Hochland.

Starker LKW-Verkehr, kaum private PKW, selten andere Touristen. Alle Güter, die Bolivien auf dem Seeweg erreichen, werden von Häfen an der chilenischen Pazifikküste über hohe Andenpässe transportiert. Wir überholen ständig Tankfahrzeuge mit Benzin und Diesel. Jeder Tropfen muss über Pässe von weit über 4000 Meter Höhe transportiert werden. Auch alle Exporte aus Bolivien nehmen diesen Weg. Seit über hundert Jahren gibt es Bahntrassen von Arica und Antofagasta nach La Paz, auf denen früher Güter- und Personenverkehr abgewickelt wurde.

1980 war ich zum ersten Mal in Südamerika, damals mit meinem Schulfreund Lothar. Wir waren nach Lima geflogen, hatten zehn Wochen Zeit und jeweils einen mittelgroßen Rucksack dabei. Einen festen Reiseplan gab es nicht, nur einige provisorische Ideen. Bolivien war ein potenzielles Zielland für uns. Von abenteuerlichen Bahnstrecken mit Wild West Flair hatten wir gehört, vom Altiplano. Im selben Jahr hatte es, kurz vor unserem Abflug, im Land einen blutigen Militärputsch gegeben, damals in Südamerika eigentlich kein besonders aufsehenerregendes Ereignis. Wir verzichteten auf die Einreise. Zudem war uns die Zeit knapp geworden, als wir in Puno die peruanische Seite des Titicacasee erreicht hatten, mit der Bahn von Arequipa aus. Damals war es noch möglich, via Schiff und Bahn nach La Paz zu reisen. Doch wir hatten auch noch Cuzco und den Inka-Trail nach Machu Picchu auf unserem Programm. La Paz musste warten. Es gab 1980 in Bolivien noch ein Schienennetz mit Güter- und Personentransporten. Nach unseren Informationen hätten wir mit dem Zug von La Paz nach Arica fahren können, sogar nach Antofagasta, weiter im Süden von Chile, gab es eine Verbindung.

2001 war ich dann tatsächlich in Bolivien, eine organisierte Tour mit einem deutschen Veranstalter für Bergreisen. Die Gipfel von Huayna Potosi und Illimani konnte ich erreichen. Der Bahnhof von La Paz war damals mit Brettern vernagelt, außer Betrieb, so ist es bis heute. Wobei der Lonely Planet Reiseführer von 1996, den ich damals dabei hatte, für Bolivien noch ein Östliches und Westliches Bahnnetz dokumentierte. In der Skizze im Reiseführer gab es noch Anschlüsse nach Chile, Argentinien, Brasilien und via Titicacasee nach Peru. Heute sind davon nur noch klägliche Reste in Betrieb. Teilstrecken sind noch für den Transport von Schüttgut aus dem Bergbau in Betrieb. Eine gewisse Prominenz genießt der Lokomotivfriedhof in Oruro, dem früheren zentralen Eisenbahnknotenpunkt in Bolivien. Touristen machen dort gerne Selfies.

„Ja, ihr könnt hier den Neoliberalismus in Aktion sehen.“ Ich habe immer noch die Stimme von Mats Petersson im Ohr. Er meinte das nicht kritisch. „Es ist doch ganz einfach: Alle natürlichen Ressourcen, alle Lebensbereiche, alle Wirtschaftszweige, die Infrastruktur werden Privatunternehmen und privatem Profitstreben überlassen. Am Ende ist das für uns alle gut.“ Wir überholen gerade eine Kolonne mit Tanklastern. Ja, die Bahnlinie von Arica nach La Paz sei wieder ertüchtigt werden, es seien schon Züge über die ganze Strecke gefahren, Gütertransport wäre möglich. Politisch gewollt sei dieser Transportweg nicht. Die Lobby privater Spediteure und Vertreter der LKW-Fahrer hätten die Strecke real blockiert und auf politischer Ebene die Bahnverbindung sabotiert. Wir können auf der Straße diese ökologische und ökonomische Groteske in Aktion bestaunen. Kolonnen von LKW fahren über die höchsten Andenpässe. Alle Bolivianer bezahlen die irren Transportkosten, Exporte werden erschwert und verteuert. Die privaten Profite sprudeln ungebremst.

Als wir die asphaltierte Straße verlassen, wir fahren zum Salar de Surire, einem Salzsee im Naturreservat Las Vicunas, reiht sich weiterhin ein LKW an den anderen. Auf der Schotterpiste wirbeln sie riesige Staubwolken auf, wir fahren wie im dichten Nebel. Wir begegnen regelmäßig Tankwagen, die die staubtrockene Piste mit Wasser besprühen, dadurch bessert sich die Sicht so, dass man die Piste sicher befahren kann.

Was ist hier los? „Aus dem Salar de Surire wird Borax gewonnen.“ Mats erklärt uns, woher der dichte Verkehr und die Staubwolken kommen. Borax ist ein selten vorkommendes Mineral, das in der chemischen Industrie Verwendung findet. Es sind weltweit nur wenige Vorkommen bekannt. Der Salar de Surire, ein Salzsee im Altiplano auf chilenischem Staatsgebiet ist einer dieser Orte. Gewonnen werden dort auch Lithiumsalze. Der Abtransport erfolgt direkt an die Küste, von dort gelangen die Rohstoffe auf den Weltmarkt.

Das Mineral wird direkt von der Salzoberfläche abgebaggert, auf LKW verladen und abtransportiert. Hier sei ein privates Unternehmen tätig. „Das läuft hier anders als in Bolivien.“ Mats redet wie ein Wirtschaftsexperte. „Einfach rausholen, was der Salzsee hergibt und ab auf den Weltmarkt.“ Das gehöre seit Pinochet und seinen Chicago Boys zum chilenischen Wirtschaftssystem, die Sozialisten im Präsidentenamt hätten daran nichts geändert. Mats schien ein Anhänger davon zu sein. „Evo Morales ist für selbständige Unternehmer in Bolivien ein Unglück, seit Jahren.“ Mats gab sonst den überzeugten Bolivianer. Aber: „Morales wurde ja zum Rücktritt gezwungen. Ein Putsch? Vielleicht. Und danach ist wieder einer aus seiner Partei zum Präsidenten gewählt worden. Und Morales selbst lebt wieder im Land.“ Die Politik von Morales schien also gewisse Unterstützung im Land zu haben. „Die Wahlen waren doch fair.“ Mein Kenntnisstand. Es gab Wahlbeobachtungskomissionen aus Europa und Amerika. Für Mats kein Argument. „Also für mich steht immer Wahlbetrug dahinter, wenn solche Leute Wahlen gewinnen. Das ist doch nicht im Interesse Boliviens, so eine Politik.“ „Was ist das Problem.“ Frage ich nach. „Das ist der Sozialismus á la Morales und seiner Partei. Die verhindern, dass private Unternehmen mit den natürlichen Ressourcen des Landes Geschäfte machen und reich werden.“ Es geht um Gas, Öl und Lithium. Ohne Lithium, den Hauptbestandteil von Batterien, keine E–Mobilität. Wir waren auf dem Weg zum Salar de Uyuni, weltweit vermutlich die Lagerstätte mit den größten Reserven des Leichtmetalls.

Aber zuvor gab es, von Mats mit bolivianischem Rotwein und einem Buffet perfekt inszeniert, die Mittagspause an den Thermalquellen von Polloquere. Für meine Reisebegleiter ein Ort für die spontane Demonstration der persönlichen Belastbarkeit und des Durchhaltewillens. Die heiße Quelle ist ein kleiner Teich ohne touristische Einrichtungen. Einige provisorische Steinstufen erleichtern den Einstieg in das heiße Wasser des Naturbeckens. Das Wasser war wirklich sehr heiß. In Sichtweite des industriellen Abbaus von Borax und Lithium waren wir im „Las Vicunas Naturreservat“ mit Badestelle und einer Flamingo Kolonie. Meine Begleiter standen im heißen Wasser, Arme und Daumen nach oben, den Siegerblick in die Ferne gerichtet. Wieder etwas geleistet, der vulkanischen Hitze standgehalten. Ich suchte die Flamingos auf, einige Fotos machen. Wollte ein Gefühl für diesen Ort, die Stille, die Weite, die Höhe bekommen, ohne grölend im Wasser zu posen. Es gelang mir nicht gut.

 

Endlich Bolivien

Die Tagesetappe endete im tristen Grenzort Colchane. Zeit für gemeinsame Mahlzeiten, für Gespräche, die Mitreisenden besser kennen zu lernen. Menschen haben Einstellungen und Haltungen, sehen die Welt auf ihre Weise. Wer darüber spricht, erklärt sich, versichert sich seiner selbst. Es geht in Gesprächen darum, sich zu präsentieren, Bestätigung zu bekommen, nicht darum, zu diskutieren oder Widersprüchliches zu klären. In den Gruppengesprächen geht es um Menschen, um die Natur, um Politik. Viele Meinungen, Überzeugungen und Ressentiments werden öffentlich gemacht. Für mich waren die Runden aufschlussreich und gruselig. Letztendlich musste ich mich fragen, weshalb ich hier dabei bin. Machte ich diese Reise, weil ich nach tiefen unvergleichlichen Naturerlebnissen suchte? Ging es um einsame und spektakuläre Landschaften? Tiere, Berge, Pflanzen? Ging es darum, den Fantasien von Jungs nachzugehen, die Wildnis zu erobern? In die Höhe kommen, die Welt zu überblicken, beim Aufstieg die eigene Kraft spüren?

Und wie passt das mit meinen Begleitern zusammen? Ich hörte Klagen und Beschwerden, Wutreden. Es sei unerträglich, dass man heutzutage schräg angesehen wird, wenn man das N-Wort oder gar das Z-Wort nutze. Das gehöre abgestellt. Eine Regierung, die sowas sogar unterstütze, gehöre weg. Es sei schließlich Fakt, dass die Z-Menschen als Rasse insgesamt kriminell und asozial seien. Und die Schwarzen seien uns Weißen nun mal in allen Belangen unterlegen, das sehe man in Afrika. Als ich einwende, dass dies „Rassismus in Reinform“ ist, werde ich korrigiert. „Nein, das muss man sagen können. Das sind Tatsachen. Ich bin kein Rassist.“ Dem Meinungsterror in Deutschland beuge man sich nicht. Auch das Gendern, unerträglich, Sprachterror gegen die natürliche Sprache und normal denkende Menschen. Dann der Spott auf Menschen, die sich vegetarisch oder vegan ernähren. „Die könnten ja so eine Reise gar nicht machen.“ Großes Gelächter nach dem Statement. So konnte es lange gehen bei Gesprächen in der Männerrunde. Es ging gegen „vollkommen überzogene Regelungen“ beim Artenschutz. Gegen emanzipierte Frauen, die kein Maß kennen und nicht begreifen, wo ihr Platz ist. Es ging um Maßnahmen gegen den Klimawandel, um Argumente gegen das Fliegen. Das betraf uns ja alle. Die Mehrheitsmeinung in der Gruppe war, dass man sich den Spaß am Reisen nicht verderben lassen werde. Außer einem schlechten Gefühl konnte ich auch kein stichhaltiges Argument anführen, mein Verhalten hatte ich ja nicht geändert.

Solche Meinungen gehören zu unserer Gesellschaft, das ist klar. Ich weiss nicht, ob sie in der Reisegruppe mehrheitsfähig waren, aber sie wurden von mehreren sächsischen Mitreisenden laut und penetrant vorgetragen. In großer Selbstgewissheit, das Richtige zu sagen und für eine Mehrheit zu sprechen, Volkes Stimme zu repräsentieren. Auf Widerspruch stießen sie nicht. Ich zog mich zurück, beteiligte mich nicht an Gesprächen. Es war ein Schock, mit diesen Männern Erlebnisse zu teilen, mit ihnen zusammen auf Berge zu steigen. Ich war mit einer Sicht auf die Natur und die Welt konfrontiert, die ich nicht teile.

Diese Stimmen hatte ich im Kopf, als wir nach dem Grenzübertritt endlich den Salar de Uyuni in Bolivien erreichten. Sie haben mir die Freude verdorben. Bilder, Reiseberichte haben diese riesige leuchtende weiße Salzfläche zu einem meiner Traumorte gemacht. Der größte Salzsee unseres Planeten. Dieses Meer aus Salz war, als ich es sah, eindrucksvoller als im Kopfkino. Eine endlose blendend weiße Fläche, darüber tiefblauer Himmel. Die Oberfläche strukturiert, als hätte ein Designer Hand angelegt. Wie gefliest, dabei jedes Element ein Unikat mit individuellem Rahmen. Eine solch gleißende Helligkeit gibt es sonst nur auf sonnenbeschienen Schneeflächen oder auf Gletschern, aber ich stehe auf Salz. Es knirscht unter den Sohlen, es gibt Risse und Spalten, Wasser kann die Oberfläche bedecken. Wenn Niederschläge häufiger sind, verwandelt sich der Salar in einen riesigen Spiegel. Am Rande des Salzsees gibt es einige freie Wasserflächen, wenn sich darin die untergehende Sonne spiegelt, erlebt man einen magischen Moment. Auch dies präsentierte uns Mats, scheute keine Umwege und Mühen, baute uns zum Sonnenuntergang ein Buffet mit Wein und Knabberzeug auf.

Mitten in dem Salzsee liegt die Isla des Pescado. Man fährt mit dem Auto über den See und betritt auf der Insel festen Boden, so der subjektive Eindruck. Die Insel über dem Salz wird von abgestorbenen Korallen gebildet. Der Salar de Uyuni gehörte ursprünglich zu einem Meer, wir stehen hier in über 3600 Meter Höhe auf ehemaligem Meeresgrund. Dicht bewachsen von kandelaberartig verzweigten Baumkakteen, die über 10 Meter in die Höhe ragen und mehrere hundert Jahre alt werden. Spätestens in der untergehenden Sonne, wenn die Kakteen im Licht erglühen, wirkt die Insel wie die Kulisse aus einem Fantasy Film. Die Zelte stehen direkt am Ufer, am Übergang zwischen dem Untergrund aus abgestorbenen Korallen und Salz. Meine Wahrnehmung der Wirklichkeit verschiebt sich durch diese Eindrücke. Die Nacht war wärmer als erwartet. Die Höhe von über 3600 Meter, der klare Himmel hatten einiges an Frost erwarten lassen. Doch das Schauspiel des mondlosen Sternenhimmels ließ sich beobachten, ohne vor Kälte zu schlottern. Als Stadtbewohner, auch als Europäer, ist uns so ein nächtliches Leuchten unbekannt. Mir gelangen ohne großen Aufwand Fotos von der Milchstraße. Eines der Fotos steht jetzt auf meinem Schreibtisch. Dieser Blick in den Himmel verschiebt die Art und Weise, wie wir die Natur wahrnehmen. Vielleicht wissen wir in der Theorie, was sich in der Welt um uns herum abspielt. Aber Menschen, die in Regionen mit großer Lichtverschmutzung leben, fehlt die sinnliche Erfahrung des Himmels über ihnen, fehlt ein Gefühl beim Blick ins All. Dieses Lichtermeer, diese Tiefe und Grenzenlosigkeit der Natur mit all ihren Erscheinungsformen nehmen wir in unserem Alltag nicht mehr wahr. Unsere Wahrnehmung filtert die Natur, beschränkt unser Bewusstsein. Wir sind fokussiert auf uns selbst und unser unmittelbares Umfeld. Das mag im Alltag zweckmäßig sein und reduziert Stress. Als geistiger Standardmodus wirkt diese Art der Wahrnehmung selbstzerstörerisch. Was uns fehlt, ist eine emotionale Beziehung zur Natur und die Akzeptanz unserer eigenen Belanglosigkeit. Wir machen kaum noch sinnliche Erfahrungen von unserer Umgebung, nur die Aspekte, die der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung dienen, lassen wir als Input zu. Die Welt, die Natur als Ganzes, nehmen wir nicht zur Kenntnis, wir wissen kaum etwas von ihr.

 

Salar de Uyuni und Vulkane

In den zehn Milliarden Tonnen Salz des Salar de Uyuni verbirgt sich eines der weltweit größten Lithiumvorkommen. Das Leichtmetall, das in Form von Lithiumcarbonat gewonnen wird, ist der Basisstoff für Batterien. Im Jahr 2008 entstand eine Pilotfabrik. Die bolivianische Regierung ist bestrebt, bei der Ausbeutung des Lithiumvorkommens die gesamte Wertschöpfungskette im eigenen Land zu behalten – inklusive der Weiterverarbeitung bis zum Endprodukt, das in Batterien verbaut wird. Bisher scheint dieses Ziel nicht erreicht zu sein. Der erzielte Reinheitsgrad entspreche noch nicht den Anforderungen und die Produktion sei noch zu teuer, verglichen beispielsweise mit chilenischen und argentinischen Anbietern. Dafür seien die klimatischen Bedingungen in Bolivien mit verantwortlich. Offen bleibt, welche Zerstörungen an der Umwelt durch den Abbau entstehen und welche Folgen der hohe Wasserverbrauch bei der Lithiumgewinnung für die ganze Region haben wird. In Argentinien gibt es Widerstand gegen den Abbau, da die traditionelle Landwirtschaft durch den Wasserverbrauch gefährdet ist.

So kam am Salar de Uyuni eine Erkenntnis zur anderen. Ich sah meine persönlichen Beschränkungen in meiner Beziehung zur Natur, beschämend und peinlich. Die Konfrontation mit dem Erlebnis, wie sehr Menschen verachtend gegenüber der Natur und ihren Mitmenschen sein können. Sicher gilt dies nicht für die gesamte Menschheit, aber es sind keine Einzelfälle und das ist keine Neuigkeit. Diese Minderheit stellt die größten Schreihälse. Der Mangel an Sensibilität für die Natur und unsere schwache emotionale Bindung an sie. War es nötig, für diese Erkenntnis ins bolivianische Hochland zu reisen? Und zuletzt die Beobachtung, dass in jeder Region der Erde wirtschaftliche Interessen in die Natur eingreifen. Wohin man auch reist, das Kapital ist schon da und lotet Gewinnchancen aus. Das Bedürfnis, Profite zu machen steht über anderen Interessen, immer, alternativlos, absolut.

Nach einer Nacht im Salz waren wir die nächsten beiden Tage auf festem Grund am Ufer des Salzsees untergebracht, mit warmer Dusche und Komplettverpflegung. Von dort starteten wir zur ersten richtigen Bergbesteigung, auf den Vulkan Tunupa. Die Anfahrt erfolgte mit Allradfahrzeugen bis auf über 4500 Meter. Dann gab es einen Pfad bis zum Vorgipfel des Vulkans. Wir saßen deutlich länger im Auto als wir zu Fuß aufstiegen. Die riesige weiße Salzfläche des Salar erstreckte sich vor uns. Mein Kopf versuchte, den irren visuellen Input mit meinen bisherigen Erfahrungen abzugleichen. Ich hatte schon von vielen Höhen in die Weite geschaut. Grassteppen, Seen, offenes Meer, Berge, Wüsten … aber hier gab es eine völlig neue Erfahrung. Mein schnelles Denken erkannte Schnee und Eis, Nebel über der Ebene oder eine Wolkendecke über den Bergen – es ragten ja Felsinseln aus dem gleißenden Weiß heraus. Alle Vorschläge meines Gehirns waren falsch. Den ganzen Tag musste ich mich selbst korrigieren, die Interpretation der Sinneseindrücke an die Realität anpassen.

Die andere Realität war, das hatte mit Bergsteigen nichts zu tun. Männer machten Fotos auf über 5000 Meter, dann ein schneller Abstieg, ab ins Auto und zum nächsten Hotspot. Ich hatte nicht das Gefühl einen Berg bestiegen zu haben. Es fühlte sich so an, als sei ich auf die Zugspitze mit der Bahn gefahren, hätte mich angestellt, um zum Gipfelkreuz zu kommen, ein Gipfelfoto gemacht und den Gipfelsieg in den sozialen Medien verbreitet.

Nächste Station Sajama, der Ort liegt auf 4300 Meter, mit Blick auf den Vulkan Sajama, mitten im gleichnamigen Nationalpark. Der Vulkan ist 6542 Meter hoch, der höchste Berg Boliviens. Untergebracht sind wir in einer Hotelanlage, kleine Hüttchen, komplette Verpflegung. Die Vulkane Acotango (6052 Meter) und Parinacota (6342 Meter) werden als Tagestouren direkt vom Hotel aus angegangen. Beim Sajama (6542 Meter) ist noch ein Hochlager eingeplant. So eine 6000er Trilogie ist gut fürs bergsteigerische Renommee, deshalb sind wir hier.

Am Acotango bin ich noch dabei, sitze wieder stundenlang im Auto. Am Berg wird Schwefel abgebaut, Pisten führen weit über 5000 Meter hinauf, unser Fahrer wagt sich am Ende noch aufs Eis, die letzten Serpentinen in den Resten eines Gletschers. Der Aufstieg über einen Pfad, folgt einem wenig ausgeprägten Grat. Es gibt kurze steilere Stufen, auf den letzten Metern geht es über ein Eisfeld. Oben wie immer: Banner raus, Siegerpose einnehmen, entschlossener Blick, Foto, schnell wieder runter. Sieben Teilnehmer von ursprünglich neun sind noch dabei.

Wenige Wochen nach der Reise ließ es sich nicht vermeiden, Videos über die Sylvester-Randale in Berlin und in anderen deutschen Städten zu sehen. Die jungen Männer in den Videos präsentierten sich mit einer Körpersprache wie meine Begleiter auf den Bergen, es war verblüffend.

Schneefall kommt auf, ganz ungewöhnlich, so hieß es. Um das Hotel liegen am Morgen 20 Zentimeter Neuschnee, nach zwei aufeinanderfolgenden Nächten, der nächste Gipfel wird verschoben. Zwei Tage später geht es doch zum Parinacota. Aufbruch in der Dunkelheit, kurz nach Mitternacht. Mit dem Auto bis in den Sattel zwischen Parinacota und Pomerape, Höhe über 5000 Meter. Auf einem Steig in Kolonne in Richtung Kraterrand. Nach einer Stunde gebe ich auf, ich bekomme ganz schlecht Luft, mir ist schwindlig, ich habe das Gefühl ich muss gleich kotzen. Mit einem Begleiter steige ich bis zum Auto ab, bekomme noch Durchfall und warte auf die Gruppe. Alle sechs haben es bis zum Gipfel geschafft und sind glücklich zurück.

Ich bin krank. Die Luftwege sind dicht, ich habe Husten, die Nase ist verstopft, der Hals brennt, habe erhöhte Temperatur, friere tagelang in meiner Hütte. Magen und Darm machen nicht mehr mit. Den anderen Teilnehmern geht es auch schlecht. Zwei Tage später steht das große Ziel der Reise auf dem Plan, der Sajama.

Im Jahr 2001 hatte ich Bolivien schon einmal besucht. Damals lag der bergsteigerische Fokus in der Cordillera Real. Ein Gebirge aus Granit, in Sichtweite von La Paz. Zum Sajama machten wir auch einen Abstecher. Wir stellten die Zelte direkt neben dem Dorf auf, größere professionelle Beherbergungsbetriebe gab es damals noch nicht. Mulis transportierten unsere Ausrüstung anderntags ins Basislager. Mit zwei Nächten auf 4800 Meter wollten wir uns besser an die Höhe gewöhnen. Das Hochlager liegt auf 5600 Meter, eine ganz heftige Höhe, wenn zuvor nur auf 4300 Meter geschlafen hat.

Über zwanzig Jahre später lief es anders. Im Ort gab es richtige Hotelanlagen, auch größere Gruppen wurden bestens betreut. Mulis gab es vor Ort keine mehr. Aber eine für Allradfahrzeuge machbare Piste bis in die Höhe des Basislagers. Unser Hotelier verfügte über zwei Autos, mit denen er alle Transporte erledigte.

Von meiner Reisegruppe waren noch drei Männer gesund. Sie starteten nach dem Frühstück mit Mats, einem weiteren Guide und zwei Trägern. Sie fuhren mit dem Auto bis zu dem Punkt, an dem früher das Basislager bezogen wurde und erreichten am Nachmittag das Hochlager bei Schneefall. Über Nacht schüttelte sie ein Sturm gehörig durch. Am nächsten Morgen war für sie an einen Aufstieg nicht mehr zu denken. Um die Mittagszeit waren sie zurück im Hotel. Die Helden waren entzaubert.

Die Natur hatte kurz gezuckt, der Berg wollte sie nicht haben. Den größten Teil der Gruppe hatten sowieso schon Erkrankungen ausgeschaltet. So wenig hatten wir die Kontrolle über die Natur. Typisch für Männer: Auf sich selbst, ihre Gesundheit, können sie nur sehr schlecht achten. Ein Gefühl für den eigenen Körper haben Männer nicht. Wer sich überfordert, erlebt wie der Körper einfach abschaltet, wir verlieren schnell die Kontrolle darüber.

Ich bekam schlecht Luft und hatte Hustenattacken, zu einem Spaziergang reichte die Fitness nach zwei Erholungstagen. Das Dorf Sajama liegt auf dem Altiplano in 4300 Meter Höhe. Aus der Hochebene ragen die Vulkane der westlichen Kordillere noch über 2000 Meter in den Himmel. Im Jahr 2001, bei meinem ersten Besuch in der Region, trugen die Hohen Berge, Pomerape, Parninacota und Sajama noch auf allen Seiten große Gletscherkappen, die richtige Gletscherströme bildeten. Auch die etwas niedrigeren Vulkane wie Guallatire und Acotango waren noch großflächig von Eis bedeckt. „Ihr habt Glück, es hat zwei Nächte geschneit, jetzt könnt ihr die Berge ganz in weiß sehen. Das ist sensationell.“ Mats konnte dem schlechten Wetter etwas Positives abgewinnen. Der Klimawandel hatte auch hier die Gletscher deutlich schrumpfen lassen. Nur der Sajama war noch rundum mit Eis bedeckt, Gletscher flossen nach allen Seiten ab. Auch dort hatte sich die Eisgrenze in die Höhe verschoben. Alle anderen Gipfel hatten den größten Teil ihres Eises verloren.

Durch den Ort führte eine unbefestigte Straße, die sich irgendwo in der Ferne des Altiplano verlor. Es gab Fahrspuren und Pfade zu umliegenden Siedlungen. Heisse Quellen mit Badegelegenheit waren nicht weit entfernt. Es gab ein Hinweisschild zu einem Geysir. Die Entfernungsangabe stimme nicht, wurden wir gewarnt. Mit einem anderen gesundheitlich angeschlagenen Mitreisenden machte ich mich auf den Weg, zu Fuß, wir wollten sehen, wie weit wir kommen. Das erste Mal auf dieser Reise war ich ohne Auto und ohne die komplette Gruppe unterwegs. Nur so kann ich meine Sinne auf das Land richten, auf das Licht, die Gerüche, die Höhe, die Weite. Die Hochebene ist nicht leer und verlassen. So wirkt sie nur, wenn man im Auto sitzt. Wir finden Hütten, Ställe, Koppeln, Lama Herden werden gehalten. Es wirkt wie die Almwirtschaft in den Alpen. Der Altiplano sei eine Ebene, begrenzt durch Bergketten im Westen und Osten, die westliche Bergkette sei durch Vulkane gebildet, so lernen wir. Auch eine Täuschung. Die Ebene ist gegliedert. Es gibt Flüsse und Bäche, Seen, gefüllt mit Salz oder Wasser, Täler und Höhenzüge. Neben den Lama Herden entdecken wir, als sich unser Blick geschärft hat, auch wilde Tiere. Vicunas, Suris, Andengänse, Kondore, Steppenhasen. Es kehrt Ruhe ein, auch wenn das Atmen schwerfällt, ein Gefühl für die Landschaft, die Natur, die Gerüche, das Licht, die Weite. All das nimmt man nicht auf, wenn man mit dem Auto durch das Land rast und in der Kolonne auf die Berge rennt.

Wir waren auf dem Weg zu einem Geysir, wir hatten regelmäßig heisse Quellen aufgesucht, darin gebadet. Der Gaullatire, ein aktiver Vulkan, 6071 Meter hoch, zeigte sich uns mit einer Rauchfahne, wir spürten unter den Füßen das vulkanische Gestein. Es ist nur eine dünne Kruste unter den Sohlen, wenig trennt uns vom glühend heißen Kern unseres Planeten. Auf dem Altiplano ist diese Nähe zu spüren. Ein Merkmal der Natur, das wir in unserem Alltag ausblenden, nicht wahrnehmen. Auch, wenn wir in einer Region unterwegs sind, die durch Vulkanismus geprägt ist, die regelmäßig von schweren Erdbeben mit vielen Opfern erschüttert wird: Wir haben kein Empfinden dafür. Nehmen das Bedrohliche nicht zur Kenntnis, verorten die Ereignisse in der Vergangenheit und verhalten uns so, als seien diese Phänomene rein historisch, ohne Bedeutung für unser Leben.

Eine Selbsttäuschung. Wir haben ein Bedürfnis nach Sicherheit, Kontinuität und Konstanz. So wollen wir die Natur, die uns umgibt, haben. Wir blenden die realen Zustände aus, nehmen nicht wahr, akzeptieren nicht, was nicht in unser Konzept von der Natur passt.

Auch wie dünn die Lufthülle ist, ohne die wir nicht existieren können, erleben wir auf dem Altiplano hautnah. Wer vom Ort Sajama aus höher hinauf steigt, erreicht nach etwas mehr als eintausend Metern eine Zone, in der das Leben auf Dauer nicht mehr möglich ist. Wir leben auf einer fragilen Kruste in einer dünnen Hülle. Unsere Art zu leben, funktioniert nur unter sehr engen Rahmenbedingungen. Die Natur bietet gar nicht die Konstanz und Sicherheit, die wir uns vorgaukeln. Wir geben uns der Illusion hin, unter stabilen Verhältnissen zu leben, dazu nehmen wir uns die Freiheit heraus, aus der Natur ohne Maß zu schöpfen.

Auf dem Altiplano konnte man die Brüchigkeit spüren, wenn man sich dafür öffnete. Wir als Reisegruppe suchten allerdings spektakuläre Panoramen, Orte zum Angeben, außergewöhnliche Events und hohe Berge, die Natur war die Bühne für unserem Auftritt, der Hintergrund für unsere Selbstdarstellung.

Den Geysir haben wir nicht erreicht. Innerlich habe ich Distanz gewonnen, bedaure es, so unterwegs zu sein. Ich möchte einen Schlussstrich ziehen, nie mehr so reisen. Meine Stiefel für die hohen Berge gebe ich am nächsten Tag an Mats. Er wird einen jungen bolivianischen Bergsteiger mit großen Füßen finden, der sie noch gut wird nutzen können. Dies wird meine letzte Fernreise zu den Bergen der Welt gewesen sein. Naturerfahrung und Selbsterkenntnis sind mit weniger Aufwand und umweltschonender möglich.

Der Weg zurück nach Deutschland war noch weit. Mit dem Bus nach La Paz. Kurzer Stopp in El Alto. Unter uns lag La Paz in der Nachmittagssonne. Ein rötlicher Dunstschleier lag über dem Talkessel. „In den Yungas brennen große Flächen, wenn der Wind ungünstig steht, dringt der Rauch bis nach La Paz.“ Mats kannte den Zusammenhang. Nicht nur in Brasilien wird der Regenwald abgebrannt, dies geschieht auch im bolivianischen Teil des Amazonasbeckens. Meine Bronchien brannten am nächsten Tag noch heftiger als in Sajama, auf Sightseeing verzichtete ich. Es blieb nur noch der Rückflug. Von La Paz über Lima und Sao Paulo zurück nach Frankfurt, eingepfercht in der Economy-Class, Stunden um Stunden. Es ist ein Irrsinn. Ich brauchte Wochen, bis ich mich von diesem Flug, dieser Reise erholt hatte.

 

Ein trauriger Abschied

Es war ein trauriger persönlicher Abschied von Südamerika. Vor 42 Jahren war ich als Rucksacktourist zum ersten Mal dort gewesen. Jetzt war ich für einige Stunden wieder in Lima, auf dem Flughafen gestrandet. Dorthin hatte ich mit meinem Schulfreund Lothar Flugtickets gekauft. Zwischen Hin- und Rückflug lagen 10 Wochen. Wir hatten einen groben Plan für die Reise. Wir wollten die jeweils lokalen Verkehrsmittel benutzen, was für uns sehr billig war. In Beherbergungsbetrieben übernachten und das essen, was die Gastronomie vor Ort anbot, was für uns auch äußerst ökonomisch war. Wir wollten im Zug über die Anden fahren, ins Amazonastiefland vorstoßen und den Regenwald spüren, die Eisberge der Cordillera Blanca sehen und dort gegen die dünne Luft bestehen, alte Kulturstätten besuchen, indigene Märkte entdecken, eine Spur von Alexander von Humboldt am Chimborazo suchen, auf den Galapagos Inseln finden, was Charles Darwin entscheidend zu seinem Werk „Der Ursprung der Arten“ inspiriert hat. Wir wollten zum Titicacasee, nach Cuzco, der alten Inca Hauptstadt und nach Machu Picchu, natürlich zu Fuß.

Das waren Träume von Jungs. Die Sehnsucht nach der Ferne, Bilder von ursprünglicher wilder Natur, sich auf den Spuren von großen Forschern und Entdeckern zu bewegen. Das waren die Motive, sich auf solche Reisen zu begeben. Und es gab die Idee, man käme als anderer Mensch von so einer Reise zurück.

 

Galapagos

1980 besuchte ich zum ersten Mal die Galapagosinseln. Es war damals noch etwas Besonderes, Tourismus gab es auf den Inseln bereits, die Infrastruktur war aber absolut rudimentär. Das war uns egal, Geld für Hotels und eine komfortable Kreuzfahrt hatten wir nicht. In unseren Reiseführern stand, wie man auf die Inseln kam und dort mit kleinem Budget auf dem Boot die Inselwelt entdecken konnte.

Darwin hat wichtige Impulse für die Lehre von der Evolution des Lebens durch Beobachtungen auf diesen Inseln erhalten. Das wollten wir sehen. Wir hatten einige Grundbegriffe und Theorien im Biologieunterricht erfahren und waren fasziniert von der Idee, diesen Ort besuchen zu können. Landschaft und Tiere noch so vorzufinden, wie Darwin auf seiner Expedition. 1980 war die Evolution für uns eine Tatsache. Uns war bekannt, dass sich Darwins Theorie im 19. Jahrhundert zunächst nur schwer etablieren konnte. Dass Darwin selbst lange Jahre davor zurückschreckte, seine Erkenntnisse zu publizieren, fertige Manuskripte zurückhielt. Sein 1859 publiziertes Buch „On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life“ war für seine Zeitgenossen nicht kompatibel mit ihrem Selbstverständnis von sich selbst und mit ihren religiösen Grundüberzeugungen. Für uns war das biologisches Basiswissen. Umso überraschter war ich über 40 Jahre nach dieser Reise, ich wollte mich etwas schlauer machen, altes Schulwissen auffrischen und stellte fest, dass es auch heute eine Bewegung von sogenannten Kreationisten gibt, die an Bedeutung und Einfluss gewonnen haben und einen Schöpfungsglauben propagieren. Die Natur und das Leben seien das Ergebnis göttlichen Wirkens, die Bibel sei ernst zu nehmen, naturwissenschaftliche Befunde seien immer nur vor dem Hintergrund der biblischen Schöpfungslehre zu verstehen. Evangelikale Christen sind die hauptsächlichen Vertreter dieses Denkens.

Wir hatten in Guayaquil Flugtickets ergattert. Damals konnte man nur mit einer Fluggesellschaft, die vom ecuadorianischen Militär betrieben wurde, zu den Inseln fliegen, regelmäßigen Schiffsverkehr zu den rund 1000 Kilometer vor der Küste liegenden Inseln gab es nicht. Es kursierte die Information, der Besuch der Inseln sei streng reglementiert, Naturschutz, der Erhalt der einmaligen Natur, genieße höchste Priorität. Lothar hatte sich von einem seiner Biologie-Professoren eine Bescheinigung ausstellen lassen, dass er zu Studienzwecken die Inseln besuche, niemand hat sich für das Papier interessiert. Wir landeten auf Baltra, einer Insel, auf der es außer einer Piste, einem Tower, einigen Baracken fürs Militär und Kakteen nichts gab. Der Stützpunkt war von dem Amerikanern im Zweiten Weltkrieg eingerichtet worden, der Zugang zum Panamakanal von der Pazifikseite her war von dort zu kontrollieren. Sie hatten den Stützpunkt aber schon lange aufgegeben. Per Boot ging es weiter zur Hauptinsel Santa Cruz, mit dem Sammeltaxi einmal quer über die Insel nach Puerto Ayora, damals wie heute der mit Abstand größte Ort auf dem Archipel. Wir fanden Unterkunft in einer Hütte, die einen Gemeinschaftsschlafraum für Rucksacktouristen, wie wir es waren, bot. Einmal am Tag kam die Besitzerin vorbei und kassierte das Schlafgeld. Es war Lucrecia Angermeyer, Ecuadorianerin vom Festland, Ehefrau von Gus Angermeyer, die Eheleute hatten sich aber, so erzählte man sich, auseinandergelebt. Sie betrieb jetzt diese Herberge, hatte sich auf eigene Beine gestellt. Später baute sie den Betrieb kontinuierlich aus zum Hotel Angermeyer, das höheren Standards genügte. Gus Angermeyer und seine Brüder werden noch eine Rolle spielen.

Nun standen wir vor der nächsten Aufgabe. Zum Hafen gehen, ein Boot suchen, mit dem wir zur Exkursion durch die Inselgruppe starten konnten. Wir mussten andere Reisende treffen, die auch mit dieser Absicht am Hafen herumstanden. Wir suchten nicht, wir haben uns finden lassen. Wir standen gerade ein paar Minuten an der Pier und schauten vermutlich etwas ratlos ins Hafenbecken. Leute in unserem Alter quatschten uns an, ob wir bei ihnen mitfahren wollten. Sie hätten gerade ein Boot gechartert, für zwölf Tage, es sei alles dabei, was auf den Inseln spannend sei. Zwei Plätze seien noch frei, die könnten wir haben, dann werde es für alle günstiger. An Geld mangelte es uns ja allen. Am übernächsten Tag würden wir dann um 9 Uhr in See stechen. So machten wir es, alle Zweifel und Sorgen hatten sich in weniger als einer halben Stunde des Suchens aufgelöst. Unsere zehn Mitreisenden kamen aus Israel, sie bereisten mit begrenztem Budget ganz Südamerika. Die Fahrt durch die Inselgruppe hatten sie, anders als wir, minutiös vorgeplant. Sie wussten genau welche Tiere und Pflanzen auf den verschiedenen Inseln zu finden waren, kannten die geologischen Besonderheiten. Wir bekamen ohne eigenen Aufwand eine ganz besondere Tour geboten. 1980 hatte ich gerade meine Zeit bei der Seefahrt hinter mir und sah mir unser Schiffchen mit professionellem Blick an, wollten wir damit doch den offenen Pazifik befahren. Seetüchtigkeit, Einhaltung von Sicherheitsbestimmungen, Zertifizierung durch eine Klassifikationsgesellschaft, Rettungsmittel? Fehlanzeige, da gab es nichts. Wir gingen am übernächsten Tag an Bord. So hatten wir zwei Tage für Puerto Ayora. Touristische Infrastruktur gab es fast nicht. Am Hafen eine Kneipe, die „Ninfa Bar“, der Name ist mir auch nach Jahrzehnten noch präsent. Auch an die damalige Speisekarte erinnere ich mich noch. Es gab Steak oder Hummerschwänze, jeweils mit Kartoffeln. Zu Inselpreisen, wir konnten es uns gerade so leisten. Dort traf sich abends ein bunter Querschnitt der Inselbevölkerung beim Bier. Für zwei Deutsche gab es auch noch Platz.

Frühstück bekamen wir beim einzigen Bäcker der Insel, gleich daneben. Kaffee und etwas frisch gebackenes, im Stehen zwischen Laden und Hafenbecken. Dort lernten wir einen Argentinier kennen, mit ziemlich begrenztem Budget, es reichte ihm für einen Kaffee und ein trockenes Brötchen. Er hatte fast sein ganzes Geld für den Flug zu den Inseln ausgegeben, wie er zu einer Bootstour durch die Inselgruppe kommt, wusste er noch nicht genau. Er erzählte, wie er schon seit mehreren Tagen den Hafen aufsuche, mit den Leuten ins Gespräch komme. Er kenne schon einige Kapitäne und Leute von den Bootsbesatzungen. Sein Plan sei, denen so lange auf die Nerven zu gehen bis sie ihn auf eine Tour mitnehmen. Als Hilfskoch, Schiffsjunge oder Geschichtenerzähler, sowas in der Art. Die Inseln, die Landschaften, Pflanzen und Tiere zu erleben, sei eine seiner großen Sehnsüchte, Natur wie sie war, bevor die Menschen kommen. Dafür sei er viele Wochen von Buenos Aires durch den Kontinent gereist, durch die Pampa Argentiniens, über die Anden nach Santiago und auf den endlosen Straßen durch die Küstenwüste bis nach Ecuador. Immer so billig wie möglich, auch per Autostopp. Er spreche ja die Sprache und falle nicht so auf wie wir. Wir seien zu groß und zu hell für Lateinamerika, das sehe man. Unser Argentinier strahlte eine große Zuneigung zur Welt aus. Entdeckergeist, Aufbruchstimmung, Sehnsucht nach dem sinnlichen Erleben der Natur, gegen alle Widerstände. Er war von einem Grundvertrauen erfüllt, erlebte die Menschen als freundlich und war sich sicher, dass alles gut gehen werde. Er erinnerte uns an den jungen Che Guevara. Der war auf seiner Südamerikareise zwar nicht auf die Galapagosinseln gekommen, aber getrieben von einer grenzenlosen Neugier auf das Leben durch seinen Heimatkontinent gereist. Che Guevara war schlecht ausgestattet, unterfinanziert auf einem schrottigen Motorrad zusammen mit einem Kumpel zu seiner Reise aufgebrochen. Wir haben unseren neuen argentinischen Freund am Abend vor dem Start der Bootstour in die Ninfa Bar eingeladen. Dann haben wir ihn erst einmal aus den Augen verloren.

Charles Darwin hatte die Galapagos-Inseln im Jahr 1835 besucht, er war damals 26 Jahre alt. Zwischen 1831 und 1836 umsegelte er an Bord des Forschungsschiffes Beagle unter dem Kommando von Kapitän Robert FitzRoy die Welt. Im Vordergrund stand der Forschungsauftrag, bisher schlecht vermessene Küsten zu kartieren. Darwin gehörte als Naturwissenschaftler mit breitem Aufgabenspektrum in den Gebieten Geografie, Geologie, Anthropologie und Biologie zur Crew. Er hatte gerade sein Studium in Cambridge abgeschlossen, als Theologe. Mit vielfältigen Interessen in den Naturwissenschaftlichen Fächern, in denen er umfassende Studien betrieben hatte. Er entwickelte sich zu einem genialen Wissenschaftler. Als Beobachter der Natur und als Theoretiker, der aus seinen Erfahrungen wichtige Schlüsse ziehen konnte. Unser Bild von der Natur hat er umfassend beeinflusst. Entscheidende Impulse für seine revolutionären biologischen Konzepte gewann er in Südamerika, auch auf den Galapagos-Inseln. Es waren aber nicht allein die Beobachtungen auf diesem Archipel, die direkt zu seinen Vorstellungen über die Evolution führten. Ich werde auf diesen Umstand zurückkommen.

Wir hatten zwölf Tage Zeit, um die Inseln kennen zu lernen. Besonders die unbewohnten Inseln, die wir besuchten, wirkten, als seien sie gerade dem Meer entstiegen, was sie tatsächlich waren. Alle Inseln sind vulkanischen Ursprungs, bis heute gibt es vulkanische Aktivität. Es gibt tausende Vulkankegel, sie erreichen auf den größeren Inseln weit über eintausend Meter Höhe. Immer wieder standen wir auf Flächen, die von frischer tiefschwarzer Lava überflutet waren. Pinacle Roc, ein Basaltturm und Wahrzeichen der Inseln, ragte bizarr über dem hellen Sandstrand in den Himmel. Lavaströme gliederten die Inseln. Vegetation und Tierwelt befanden sich auf den meisten Inseln noch in einem Zustand, wie ihn auch Darwin vorgefunden hatte. Aber bereits bei Darwins Aufenthalt hatten frühere Besucher auf einigen der Inseln ihre Spuren hinterlassen, Spuren der Zerstörung. Tiere kannten kein Fluchtverhalten, eine Vegetation, wie wir sie noch nie sahen, aber rau und karg. Blaufußtölpel, mit Füßen und Schwimmhäuten wie aus dem Tintenfass gezogen. Maskentölpel, Fregattvögel und Pelikane brütend in ihren Nestern. Sie ließen sich nicht stören, auch wenn man nähertrat. Die Vögel waren nicht nur wie ein Scherenschnitt, fliegend in großer Distanz zu sehen. Ihr strukturiertes Gefieder, die Farben, die Musterung überraschten, diese Details sieht man bei diesen Vögel sonst nicht, wir schauten in ihre aufmerksamen Augen. Eine Albatrosskolonie am Äquator und auch Pinguine weit ab von den kalten Regionen um die Antarktis. Kormorane, flugunfähig geworden, weil sie sich zum Fischen nur ins Meer fallen lassen mussten. Seelöwen und andere Robben lagen entspannt am Strand, blickten gelangweilt auf, wenn wir vorübergingen. Echsen an Land und im Meer, Überlebende aus früheren Zeiten, die es andernorts nicht geschafft haben. Leuchtend rote Krabben huschten vor uns über die schwarzen Klippen. Die riesigen Landschildkröten, Varianten davon auf jeder Insel. Wir haben noch Lonesome George auf der Darwin Station angetroffen, den letzten Überlebenden einer Schildkrötenspezies, ohne Chance auf Paarung. Mit dem kleinen Beiboot fuhren wie in eine Bucht, die von einem Mangrovendickicht umgeben war. Im flachen glasklaren Wasser dutzende Haie, jeder so lang wie unser Boot. Es war alles vorhanden wie es aus dem Fernsehen, aus Büchern und von Fotos bekannt war. Kakteenlandschaften, frische Lavafelder, schwarz glänzend in der Äquatorsonne. Palo-Santo-Bäume, wie Gerippe in der Trockenheit, wartend auf den spärlichen Regen. Kakteen mit leuchtenden Blüten, die aus der frischen Lava herausbrechen. Wälder aus baumhohen Kakteen. Grün und feucht waren die Inseln nur in den Höhenlagen, in den Zonen nahe der Küste, wo wir hauptsächlich hinkamen, wirkte die Landschaft wüstenhaft trocken und verbrannt. Wassermangel kennzeichnet alle Inseln, Quellen finden sich nur in den höheren Lagen der größeren Inseln. Die Inseln sind kein tropisches Paradies, sie sind trocken und karg. Es gibt viele endemische Arten, sie entwickelten sich aus einzelnen Individuen, die es auf die Inseln verschlagen hatte. Abkömmlinge von Stürmen und Fluten. Angeschwemmte Schiffbrüchige, Flüchtlinge, die irgendwie die eintausend Kilometer vom Festland auf die Inseln geschafft hatten und nun neue Varianten bildeten, so wie es die Inseln zuließen. Viele Neuankömmlinge sind untergegangen. Für uns war es ein Blick in eine ferne Vergangenheit, in eine Welt vor dem Auftreten der Menschen. Richtig mystisch war eine nächtliche Bootsfahrt. Unser Kapitän und der Koch wollten die Crew eines anderen Bootes besuchen, das in derselben Bucht über Nacht vor Anker lag, vielleicht einen Kilometer entfernt. Ob wir mitfahren wollten, es gebe auch Bier, uns sei es doch mit den Israelis auf Dauer etwas langweilig. Wir stiegen in das kleine Beiboot und fuhren über den Pazifik, kein Mond am Himmel, über uns die Milchstraße. Das verwirbelte Wasser leuchtete grün auf. Auch wenn wir die Hände ins Wasser streckten, bildete sich ein langer leuchtender Schweif im Wirbel. Leuchtende Algen. Als wir in der vollständigen Dunkelheit durchs Wasser glitten, bemerkten wir zu den grünen Schweifen, die wir hinter uns herzogen, ein Leuchten aus der Tiefe des Meeres. Wir waren sprachlos, glitten durch das offene leuchtende Meer, weit draußen vor dem Kontinent, zwischen den kleinen Inseln. Es war ein magischer Moment. Die Überraschung war groß, als wir das andere Boot erreichten. Unser argentinischer Freund stand grinsend an der Reling. Er erzählte, dass er auf diesem Boot als Hilfskoch angeheuert habe. Er habe nur noch einen Tag am Hafen gebraucht, fahre jetzt eine Woche mit und dürfe die meisten Landgänge mitmachen.

Wir sahen einige Arten der Darwin-Finken. Kleine hektisch flatternde Federknäuel. Die Evolution haben wir nicht gesehen. Wir waren Touristen, große Jungs beim Spielen, auf der Suche nach spektakulärer Natur, nach Geschichten, die wir nach der Rückkehr erzählen wollten. Das hatten wir nun alles. Der Eindruck, die ersten auf den Inseln zu sein, Vulkankegel, frisch aus dem Meer geboren, wilde Tiere, die nicht vor uns fliehen, Wesen, die es nur noch hier gab. Lothar stand kurz vor Abschluss seines Biologiestudiums, sein Blick auf die Natur war aber nur wenig geschulter als meiner. Nur bei Kakteen kannte er sich sehr gut aus. Wir hatten eine große Neugier, wollten mit exotischen Reisezielen angeben. Das war nicht weit weg vom bloßen Gaffen.

Darwin blickte neugieriger, intensiver, ausdauernder, hartnäckiger auf die Natur. Sein Aufenthalt auf den Inseln war mit großen Entbehrungen verbunden. Das war die ganze Reise mit der „Beagle“. Erweckungserlebnisse hatte er keine, schon gar nicht auf den Galapagosinseln. Er ließ sich viele Jahre Zeit, um seine Beobachtungen einzuordnen und zu einer erklärenden Theorie auszuformulieren. Die Sache mit den Finken ist wenig mehr als ein Fake späterer Biologengenerationen. Die Unterschiede zwischen diesen Vögeln auf den verschiedenen Inseln hat Darwin zunächst nur am Rande wahrgenommen. In seinem Reisetagebuch, publiziert im Jahre 1845, schrieb er: „mich aber erstaunt nun, dass mehrere der Inseln ihre eigene Art der Schildkröte, der Spotdrossel, des Finken sowie etlicher Pflanzen aufweisen.“ Vom Galapagos-Archipel handelt nur eines von 21 Kapiteln im von Darwin veröffentlichten Tagebuch der Reise, Tagebucheinträge gibt es zwischen dem 15. September und dem 20. Oktober 1835. An diesem Tag ließ Kapitän Fitzroy die Segel setzen, die „Beagle“ setzte ihre Reise fort, es war ein weiter Weg bis Tahiti, dem nächsten Ziel. Darwin zweifelte an der Unveränderlichkeit der Arten nach den Beobachtungen der Tier- und Pflanzenwelt des Archipels immer stärker. Tatsache war, dass auf nahe beieinander liegenden Inseln verwandte Vogel- und Reptilienarten vorkommen, die sich geringfügig, aber eindeutig unterscheiden. Mit der Vorstellung von der Stabilität der Arten war dies schwer vereinbar.

Der Archipel war auch bei Darwins Besuch keine Terra incognita mehr. Vermutlich haben Spanier die Inseln im 16. Jahrhundert erreicht, so die gängige Literatur. Bis zum frühen 19. Jahrhundert dienten sie Seeräubern, meist britischer Herkunft, als Stützpunkt. Ihnen folgten Walfänger, die auf der Insel Floreana in der Post Office Bay ein Depot für Briefe einrichteten, die nach Großbritannien segelnde Schiffe in die Heimat transportierten. 1832 nahm Ecuador die Inseln in Besitz, erste Besiedelungsversuche wurden unternommen, mehrfach dienten sie als Strafkolonie. Wo Menschen auftreten, üben sie Einfluss auf die Natur auf. Seelöwen, Pelzrobben, Seeleoparden wurden gejagt. Die Riesenschildkröten dienten als Nahrung, sie waren leicht zu erbeuten und konnten lebend gelagert werden. Zu Tausenden wurden die Tiere als Proviant in den Schiffen verstaut. Seit Menschen die Inseln betraten, veränderten eingeschleppte Nutztiere wie Ziegen und Rinder oder Haustiere wie Hunde und Katzen die angestammte Fauna und Flora, Ratten und Mäuse breiteten sich aus. Die ansässigen Tierarten waren der Konkurrenz nicht gewachsen. Der Siedlungsdruck stieg kontinuierlich, obwohl die Inseln für die Landwirtschaft wenig geeignet waren. Vier der großen Inseln sind heute bewohnt, auf Baltra gibt es einen Flughafen und einen Militärstützpunkt. Noch in den 1920er Jahren lebten weniger als 500 Menschen auf den Inseln. 1959 gab es rund 1000 Siedler, 30 Jahre später hatte sich ihre Zahl verdreifacht. Die Volkszählung von 2015 ergab eine Einwohnerzahl von über 25.000.

Der Tourismus ist heute die wirtschaftliche Basis der Inseln und gleichzeitig die größte Bedrohung für die Flora und Fauna, die vordergründig das Ziel der Besucher sind. Als wir 1980 die Inseln besuchten, kamen noch wenig mehr als 10.000 Touristen im Jahr. Heute ist die Zahl auf fast 300.000 angewachsen. Es gab Jahre des ungehemmten Wachstums der Touristenzahl und des ungezügelten Zuzugs auf die Inseln. Die Siedler protestierten gegen den Naturschutz, vor allem Fischer wollten sich nicht an Fangquoten halten. Aufgebrachte Fischer blockierten 2004 die Nationalparkverwaltung für mehrere Wochen. Die UNESCO setzte die Inseln 2007 auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes, hob diesen Status aber nach drei Jahren wieder auf, die Regierung hatte Regulierungen und Beschränkungen zugesagt. Wie überall auf der Welt bedrohen wirtschaftliche Interessen die Natur, ist der Mensch in seinem Bestreben nach Profiten nicht zu bremsen. Erschütternd ist für mich, die aktuellen Nationalparkregeln zu lesen. Sie gehen nicht über die hinaus, die uns 1980 in Form eines Faltblatts ausgehändigt wurden. Der Flyer befindet sich immer noch in meinem Reisearchiv. Ich unterstelle, dass heute weniger auf die Einhaltung geachtet wird. Die Gruppen sind zu groß, um sie effektiv zu überwachen, die Touristen sind viel zu reich, als dass sie sich ihre Freiheit einengenden Regeln unterwerfen würden. Wer sich die hohen Preise leistet, lebt in der Haltung, selbst über die Regeln in der Welt zu bestimmen. Unser Guide kontrollierte 1980 bei jedem Landgang und bei der Rückkehr aufs Schiff die Einhaltung der Vorschriften. Trotzdem liegt bei mir ein Stück Galapagos Lava im Regal und bei Lothar wächst seither ein seltener endemischer Kaktus. Auch ohne Geld waren wir schlechte Menschen. Eingeschleppte Arten, auch Insekten, Keime, Parasiten, Besiedelung, Landwirtschaft, Fischerei, Tourismus sind weiter Bedrohungen. Dieses einzigartige biologische Labor wird seinen Charakter endgültig verlieren, wenn es nicht gelingt, die bisher nicht von Menschen besiedelten Inseln tatsächlich besser zu isolieren.

Die Galapagos-Inseln waren, seit sie Darwin besucht hatte, als großes Biologisches Labor bekannt. Prinzipien der Evolution konnten dort studiert werden. Spezies, die andernorts längst ausgestorben waren, lebten auf den Inseln. Tiere zeigten ein Verhalten, das nicht durch menschliche Einflüsse geprägt war. Das Archipel war und ist ein Paradies für Biologen mit entsprechenden Forschungsschwerpunkten. Irenäus Eibl–Eibesfeldt, der bekannte österreichische Biologe und Verhaltensforscher, besuchte die Inseln 1954 zum ersten Mal. Er fand schon auf dieser Reise „überall Spuren der Verwüstung“, wie er in seinem 1991 neu aufgelegten Galapagos-Buch schreibt. Er bereiste den Archipel 1957 im Auftrag der UNESCO, um einen Überblick über den Erhaltungszustand der Tierwelt zu gewinnen. Auf seine Initiative geht die Gründung der Charles-Darwin-Forschungsstation zurück, die 1961 eröffnet wurde. Bereits 1936 waren die Inseln von der ecuadorianischen Regierung unter Schutz gestellt worden. 1959 wurden sie zum ersten Nationalpark des Landes erklärt, 1998 durch ein Meeresschutzgebiet erweitert. 1978 wurden die Inseln in das Weltnaturerbe der UNESCO aufgenommen.

 

Erlösung in der Natur?

Die Suche nach dem Paradies ist ein zeitloses menschlichen Motiv, viele von uns haben ein Bedürfnis nach einem harmonischen, sorgenfreien Leben ohne materielle Not und seelische Unruhe, eben nach paradiesischen Zuständen. Eine Utopie in unseren Köpfen. Ich kenne das Paradies. Es ist ein Stadtteil in Konstanz. Von der historischen Altstadt durch eine Straße abgetrennt, der Laube, begrenzt von der Schweizer Grenze, dem Seerhein und der Autobahn. Dort stehen hauptsächlich Wohngebäude mit mehreren Stockwerken, die Bebauung ist eng, Grünflächen sind spärlich, der Parkraum knapp, grüne Innenhöfe heben die Wohnqualität. Es gibt Schulen und Kindergärten, ein paar Gewerbebetriebe, ein bisschen Einzelhandel, den Campus einer Hochschule und ein paar Sportstätten. Es ist ein bevorzugtes Wohnquartier in der Stadt, Freunde von mir wohnen dort. Sie mögen ihr Viertel. Zweierlei dazu: Das ist nicht das Paradies, wie es als Utopie in unserer Fantasie existiert. Aber es ist ein Lebensraum, der in der Realität, in der wir leben, sehr viele positive Elemente hat und vielen Menschen ein gutes Leben ermöglicht.

Die Suche nach dem Paradies hängt auch an unseren Vorstellungen über die Natur. Die Galapagosinseln hatten zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa das Image, eine paradiesische Natur zu bieten, in der sich die Utopie vom gelingenden Leben leicht realisieren lässt. Irenäus Eibl-Eibesfeldt hat in seinem Galapagos-Buch einige Suchende und deren Schicksal portraitiert. Auf die Suche nach dem Paradies machten sich nach dem Ersten Weltkrieg auch Norweger aus dem hohen Norden Europas. Ab 1924 kamen 124 von ihnen auf die Inseln Floreana und Santa Cruz. Sie fanden ein trockenes und karges Land. Statt Palmen und Orangenhainen eine Kakteenödnis und unbelaubte Bäume. Von Südseezauber keine Spur. Streit, Krankheit und Tod bestimmten den Alltag. Die meisten Neusiedler verließen die Inseln wieder. 1929 war die norwegische Episode faktisch zu Ende, drei Siedler aus Skandinavien waren geblieben.

Als Galapagos-Affäre gingen Ereignisse in die Besiedlungsgeschichte der Inseln und in die Literatur ein, die sich ab 1929 abspielte. Die Akteure kamen aus Deutschland und Österreich. Bis heute werden die Ereignisse in den Medien immer wieder aufbereitet.

Friedrich Ritter und Dore Strauch ließen sich 1929 auf Floreana nieder. Ihr Anwesen nannten sie „Eden“, bauten Obst und Gemüse an, besserten ihre Versorgung durch Geschenke und Spenden auf, die sie von Besuchern erhielten, die mit ihren Yachten die Insel besuchten. Ritter arbeitete an einem Ruf als neuer Robinson, verstand sich als Zivilisationsflüchtling, der die krankmachende industrielle Welt hinter sich ließ, und publizierte Berichte über sein Aussteigertum. Er wollte zurück zu einer natürlichen Lebensweise. Zur damaligen Zeit hatte diese Reformbewegung nicht nur in Deutschland viele Anhänger. Andere Gruppen aus dem deutschsprachigen Raum folgten wohl nach Floreana, gaben den Versuch, dort sesshaft zu werden, aber schnell auf, es lassen sich dazu keine Quellen mehr finden. 1932 kam eine österreichische Baronin mit zwei Männern aus Deutschland, Robert Philippson und Rudolf Lorenz, auf Floreana an. Es findet sich die Meinung, die angebliche Baronin sei eine Hochstaplerin gewesen, über ihren Namen gibt es unklare Angaben. Die drei ließen sich in der Nachbarschaft von Ritter und Strauch nieder, eine gute Nachbarschaft sei nicht entstanden. Ritter habe womöglich gefürchtet, sein Alleinstellungsmerkmal, Zivilisationsflüchtling am Ende der Welt zu sein, einzubüßen. Die Baronin habe geplant, ein Luxushotel, die „Hacienda Paradiso“, zu errichten. Es entstand lediglich eine Wellblechbaracke. Sie trachtete wohl danach, die anderen Siedler zu dominieren und versuchte ihren Führungsanspruch mit Gewalt durchzusetzen, sei bewaffnet aufgetreten.

Im selben Jahr 1932 wanderte die Familie Wittmer aus Köln nach Floreana aus. Heinz und Margret zusammen mit dem Sohn Harry aus erster Ehe von Heinz Wittmer. Margret Wittmer war schwanger. Ihr Sohn kam zum Jahresende auf die Welt, er war der erste Mensch, der auf der Insel geboren wurde. 1937 wurde die Tochter Floreana-Ingeborg geboren.

Die Ereignisse des Jahres 1934: Die Baronin und einer ihrer Männer, Philippson, verschwanden spurlos, bis heute gibt es keine Hinweise auf ihren Verbleib. Ihr zweiter Begleiter, Lorenz, wollte sich von einem Norweger von den Inseln wegbringen lassen. Nachdem sie Santa Cruz auf dem Boot des Norwegers verlassen hatten, blieben sie verschollen. Im November 1934 fanden Besatzungsmitglieder eines amerikanischen Fischereischiffs die mumifizierten Leichen von Lorenz und dem Norweger. Von ihrem Schiff und einem einheimischen Besatzungsmitglied fehlte jede Spur. Im selben Jahr verstarb Ritter an einer Lebensmittelvergiftung. Seine Partnerin ist nach Deutschland zurückgekehrt.

Die Familie Wittmer verblieb auf der Insel. Margret Wittmer lebte bis zum Jahr 2000 auf Floreana. Von ihr stammt das Buch „Postlagernd Floreana“, das mehrere Auflagen erlebte. Ihre Nachkommen betreiben heute auf Floreana ein Hotel und bieten Bootstouren für Touristen an.

Die Ereignisse, bis heute ungeklärt, boten Stoff für journalistische, filmische und literarische Aufarbeitungen, die sich bis in unsere Tage fortsetzen. Das Sujet: Aussteiger begeben sich in paradiesische Natur, die unberührt von der Zivilisation ist. Sie wollen dort ein unverdorbenes Leben führen, das frei von allen zivilisatorischen Zwängen ist. Sie rechnen mit Harmonie, Frieden, Freiheit, Freundschaft, Liebe. Sie errichten aber die Hölle auf Erden. Sie erleben einen harten Alltag, Konflikte, Streit, Gewalt, Mord, Flucht, Lüge, Mangel, Krankheit und Tod. All das haben sie selbst in die Natur mitgebracht, all das steckt im Menschen. Die unberührte Natur macht offensichtlich keine besseren Menschen aus uns. Der berühmte belgische Autor George Simenon hat bereits 1938 die Ereignisse in Artikeln und in einem Roman verarbeitet. Es gibt weitere Romane, mehrere filmische Dokumentationen, auch ein Theaterstück und zahlreiche Zeitschriftenartikel. Zuletzt hat das ZDF eine Dokumentation produziert, die im Rahmen der Sendereihe Terra X gesendet wurde. 2025 ist ein Hollywood-Film über die Ereignisse im Entstehen.

Es ist so viel, was wir der Natur abverlangen, sie soll für uns das Paradies sein. Doch die Natur hat das Paradies nicht im Angebot. Wir erleben nur, was wir selbst mitbringen, das ist eher die Hölle, die in uns steckt. Die Natur ist nicht für das gute Leben zuständig, dafür müssen wir selbst sorgen. Das ist immer mit Anstrengungen verbunden, paradiesische Zustände gibt es nicht, wir können uns nur selbst um Bedingungen bemühen, die das Leben lebenswert machen. Eine Tropeninsel, Palmen, ein weißer Strand, fruchtbare Erde, genügend Wasser, solche Dinge machen kein Paradies aus. Vielmehr geht es darum, dass wir uns angepasst und mäßig verhalten, dass wir empathisch sind und möglichst wenig Schaden anrichten, das ist ungeheuer schwer.

Auf der Insel Santa Cruz, am Rand von Puerto Ayora über der Academy Bay liegt das Hotel Angermeyer Waterfront Inn, ein First-Class-Hotel. Namensgeber ist die Familie Angermeyer. Vier Angermeyer Brüder landeten 1937, von Hamburg kommend, nach einer zweijährigen Odyssee auf Santa Cruz. Sie starteten in der Heimat mit einem eigenen Segelboot, erlitten zwei Mal Schiffbruch und wählten schließlich eine konventionelle Schiffspassage bis Guayaquil, Ecuador. Sie flohen aus Nazideutschland, wollten nicht unter Unfreiheit und Diktatur leben und fürchteten den drohenden Krieg. Mit der Unterstützung der ganzen Familie brachen sie auf. Die Brüder stammten aus dem Arbeitermilieu, sie hingen keiner Lebensreformbewegung an. Sie erwarteten auf den Inseln nicht das Paradies. Ihnen war klar, dass das Leben auf den Inseln entbehrungsreich sein würde. Es gab erst ein paar Dutzend Siedler auf der Insel, als sie ankamen. Sie schafften es, sich dort eine Existenz aufzubauen, haben auf dem ganzen Archipel ihre Spuren hinterlassen. Matthias Stolt, ein Großcousin der Brüder Angermeyer, hat ein Buch über das Leben seiner Verwandten auf den Galapagos Inseln geschrieben. Er hat die noch lebenden Brüder in den 1980er Jahren mehrfach auf Santa Cruz besucht. Ausführliche Interviews hat er mit Karl Angermeyer geführt.

Als wir 1980 aus der Academy Bay in See stachen, passierten wir einen eleganten Zweimaster, weiß gestrichen, weiße Deckshäuser, der gerade die Segel setzte. Auf dem Schiff stand eine eindrucksvolle Gestalt, weiß gekleidet, wallendes Haar, entspannte Körperhaltung, wacher Blick, seine Besatzung machte das Schiff klar. Unseren Kapitän grüßte er knapp, als wir den Segler passierten. Ich schaute unseren Schiffer fragend an. Gus, ja, das sei Gus Angermeyer, der Kapitano. Mit dem Segler biete er Kreuzfahrten durch den Archipel an. Teuer sei das, mucho dinero, aber im Prinzip bekämen die Gäste, die auf diesem Schiff reisen, auch nichts anderes zu sehen als wir, sie hätten halt mehr Komfort. Es seien nur reiche Leute, die sich die Angermeyer Touren leisten könnten. Und die Wissenschaftler, die seit den 1950er Jahren vermehrt auf die Inseln kommen, die kämen alle zu den Angermeyers. Die seien ja praktisch hier, seit Menschen auf der Insel leben, die Brüder wüssten am meisten über den Archipel. Wer es sich leisten kann, wohne auch bei denen, ihren Beherbergungsbetrieb gab es auch 1980 schon. Wir wussten, dass wir uns das nicht leisten konnten. Das war damals nur ein flacher Bau. Als wir aus der Academy Bay tuckerten, konnte man das Gebäude gerade so hinter dem Kakteendickicht erahnen. Die Angermeyer Brüder als Aussteiger zu bezeichnen, trifft die Sache nicht. Sie waren eine Mischung aus politischen Flüchtlingen und Abenteurern. Sie waren jung, hatten eine Sehnsucht nach der offenen freien Welt, wollten Abenteuer erleben, nahmen jede Herausforderung an, immer einsatzbereit. Sie brachten eine andere Haltung der Natur gegenüber mit, die sie auf den Inseln erwartete, als beispielsweise der Zivilisationsflüchtling Ritter.

Margret Wittmer (1959) hat die Geschichte ihrer Familie auf Floreana selbst aufgeschrieben. Ich beziehe mich auf eine Ausgabe von 2018, die von Luise Maria Dreßler herausgegeben wurde. Das Paradies hat Margret Wittmer auf Floreana nicht gefunden. Sie brachte zwei Kinder zur Welt, ohne professionelle Hilfe, für sie und die Neugeborenen lebensbedrohlich. Den Alltag schildert sie sehr plastisch in ihrem Buch (S. 173 f):

„Selbst auf Floreana unter der Sonne des Äquators, auf der kleinen Insel, die das Paradies sein könnte, fliegen einem die gebratenen Tauben eben nicht in den Mund. Man kann sich nicht faul auf den Rücken legen. Der Tag ist bis zum Rand mit Arbeit ausgefüllt.

Ich stehe morgens um halb sechs auf. Harry hat schon Kaffeewasser aufgesetzt. Das Feuerholz muss aus dem Busch geholt, auf dem Rücken herangeschleppt und gehackt werden.

Nach der ersten Tasse Kaffee beginnt der Inseltag. Zuerst kommt das Hühnervolk an die Reihe. Von Januar bis Mai ist die beste Zeit für die Aufzucht der kleinen Küken. Da ist jeden Augenblick etwas anderes los …

Wenn das Hühnervolk versorgt ist, geht es in den Schweinestall. Die Borstentiere empfangen mich mit großem Gequieke, sobald sie auch nur den Eimer klappern hören. Das Futter für die Schweine wird tags zuvor nach dem Mittagessen in einem großen, alten Benzinkanister auf einer aus Steinen gebauten Feuerstelle gekocht. Es sind meistens grüne Bananen, Yucca oder Otoiknollen mit Knochen und etwas Salz. Heinz hat dann schon einen morgendlichen Rundgang mit den Hunden hinter sich.

Dabei hat er festgestellt, was während der Nacht wieder von den wilden Rindern am Zaun eingerissen, was an den Pflanzen beschädigt ist.

Das muss am Tage wieder ausgebessert und in Ordnung gebracht werden. Unser Frühstück besteht meist aus selbstgebackenem Brot aus Weizen- und Maismehl. Wenn das Weizenmehl ausgegangen ist, wenn wieder einmal monatelang kein Schiff vom Festland herübergekommen ist – dann backe ich Brot aus grünen Bananen. …

Die Wurst muss ich natürlich auch erst selbst machen. Das Fleisch dazu muss erst im Busch geschossen, ausgenommen, nach Hause geschafft, dann zerlegt und verarbeitet werden. Und all das muss in spätestens vierundzwanzig Stunden erledigt sein. Denn das Klima erlaubt nicht, Fleisch länger in frischem Zustand aufzubewahren. Einen Kühlschrank haben wir natürlich nicht.

Das Fleisch wird zum größten Teil eingesalzen und nachher geräuchert. Dann hält es sich lange. Wenn wir ein wildes Rind erlegt haben, dann müssen wir möglichst viel davon verwerten, obwohl auf der Insel wirklich kein Mangel an Rindern besteht. Aber wir können ja nicht jede Woche einen Jagdtag einlegen. So viel Zeit haben wir nicht.

Wir brauchen eine Menge Salz, um das Fleisch zu konservieren. Und selbst das müssen wir hier erst gewinnen; aus den Salzlöchern des Salzsees. Fünf Stunden müssen wir laufen, bis wir zu unserem Salzladen, dem Salzsee, kommen. Ein elender steiniger Weg führt zu den Salzlöchern, die noch von den Norwegern stammen, als sie 1927 auf Floreana eine Fischerei und Konservenfabrik anlegen wollten. Das waren unsere Vorgänger gewesen. Ihr Unternehmen war gescheitert wie so viele andere auf Floreana.

Die Salzlöcher müssen in jedem Jahr nach der Regenzeit gesäubert werden. Im Laufe der nächsten Monate verdunstet das salzhaltige Wasser in den Löchern unter der brennenden Sonne, und eine dicke Salzschicht bleibt zurück. Ende November oder Anfang Dezember ist das Salz „reif zum Ernten“. Dann müssen wir es den langen, beschwerlichen Weg zu unserer Siedlung herauftragen. Und diesen fünfstündigen Weg muss man ein paar Mal machen, weil man mehr als fünfzig Pfund auf einmal nicht auf dem Rücken heraufschleppen kann. Aber dann haben wir endlich wieder unseren Salzvorrat für die nächsten Monate, zum Kochen und zum Einsalzen des Fleisches.

Unseren Kaffee machen wir uns auch selbst. Er trinkt sich schneller als er gepflanzt ist, als er wächst und geerntet wird. Wenn die kleinen Kaffeesträucher gepflanzt sind, dauert es volle fünf Jahre bis zur Ernte der ersten Kaffeebohne. Und auch hier ist wieder alles Handarbeit. …

Sogar unseren Zucker müssen wir selbst gewinnen. Wir pflanzen auch Zuckerrohr. Die Pflanzen wachsen schnell. Alle vier Wochen müssen die Blätter, wenn sie anfangen, braun zu werden entfernt werden, damit der Zucker schneller reift. Wenn das Zuckerrohr dann reif ist, wird es mit einer Machete dicht über dem Boden abgeschlagen und zur Zuckerpresse gebracht. …

Die ganze Familie ist jedes Mal damit beschäftigt, das Rohr durch die Presse zu drehen. Wir haben keinen Motor. Unser Motor sind die Esel, die vor die Presse gespannt werden, und die dann immer im Kreis herum laufen müssen, ähnlich wie früher die Pferde bei Großvaters Dreschmaschine. Der ausgepresste Saft wird aufgefangen und dann in einem großen Behälter gekocht, bis das Zuckerwasser zu einem dicken Sirup geworden ist. Das kostet eine Menge Arbeit und übrigens auch eine Menge Holz. …

Fleisch, Kaffee, Zucker, Salz: alles, was auf den Tisch kommt, stammt aus eigener Erzeugung. Manchmal kommt mir der Gedanke, wie selbstverständlich man das alles hinnimmt, wenn man in der Zivilisation lebt. Wie wenig Gedanken die Menschen sich machen, welch ein Ausmaß an Arbeit, Kummer und Aufregungen es kostet, was man an Fehlschlägen und Missernten in Kauf nehmen muss, bis das Wenige geschaffen ist, was nötig ist, um einen Frühstückstisch zu decken. …

Vormittags wird meistens neues Land gerodet. Einer schlägt die Bäume ab, einer die kleinen Sträucher, Heinz bearbeitet den Boden mit der Kreuzhacke, dann müssen Stümpfe und Wurzeln gerodet werden, was eine sehr schwere Arbeit sein kann. Wir haben nicht einmal ausreichendes Handwerkszeug. Manche Geräte müssen die Hände ersetzen.

Ich selbst bin den ganzen Vormittag im Haus. Saubermachen, Aufräumen, Waschen, Bügeln und natürlich Kochen – so sieht das Programm für diese drei Stunden aus, gar nicht anders eigentlich als bei jeder anderen Hausfrau. Punkt zwölf kommen die anderen zurück, baden im frischen Quellwasser, und dann wird gegessen. …

Beim Abendessen beginnt es schon zu dunkeln. Die Sonne geht hier, in der Nähe des Äquators, früh schlafen! Aber für uns ist der Tag noch nicht zu Ende. Es gibt immer etwas zu tun. Bohnen, Erbsen und Mais ausschälen etwa …

So sieht der Alltag auf der Insel aus. Eigentlich gar nichts besonders Aufregendes dabei. Ein Alltag wie überall auf der Erde, der Alltag einer kleinen Bauernfamilie. Und trotzdem ist alles anders. Weil man so ganz allein ist, abgeschnitten von aller Welt. So einsam, wenn monatelang kein Schiff kommt. Aber wir leiden nicht unter dieser Abgeschlossenheit und Einsamkeit. Wir haben dieses Leben gesucht. Und wir sind glücklich dabei.“

Ein Leben im Paradies stellen wir uns so nicht vor. Unberührte Natur ist kein Paradies. Kann man das Schicksal der Wittmers auf Floreana und die Geschichte der Angermeyer Brüder auf Santa Cruz unter evolutionskritischem Blick sehen? Die Brüder brachten Merkmale wie handwerkliches Geschick, soziale Kompetenz und Kooperationsfähigkeit, Bereitschaft sich anzupassen, Flexibilität und Ideen mit. Sie lebten in einen stabilen Familienverbund. Sie waren damit erfolgreich, auch wenn sie nicht das Paradies fanden. Ihre Nachfahren leben bis heute als einflussreiche Bürger auf den Inseln. Am Ende passten die jungen Männer und die Familie Wittmer zu den Bedingungen, die sie auf den Inseln antrafen, nicht weil sie Überflieger waren, die Stärksten oder Klügsten, sondern weil sie sich flexibel, sozial kompetent, empathisch und kooperativ verhielten. Sie zeigten eine radikale Akzeptanz der Natur, die sie vorfanden, und für die Anforderungen des Alltags. Den Aufgaben stellten sie sich mit Hingabe.

 

Aconcagua

Der Aconcagua, höchster Berg beider Amerikas, zweithöchster Gipfel der sogenannten „Seven Summits“, ist unter den großen Bergen der Welt ein Gipfel für Menschen, die sich bei ihren hohen Zielen selbst beschränken können oder beschränken müssen. Beschränken in Bezug auf die Zeit, das Geld, die bergsteigerischen Kompetenzen, die körperliche Fitness und in Bezug auf das Ansehen, das das Erreichen des Gipfels bedeutet. Selbstverständlich spielt das eine Rolle: Das Prestige eines Ziels, die Steigerung des Selbstwerts. Gerade in den sogenannten Natursportarten geht es darum, die eigene Leistung zu präsentieren, andere zu übertreffen, Eindruck zu machen. Die Natur wird zum Sportgerät und zur Bühne, auf der wir uns und unsere Leistungen präsentieren.

Expeditionsreiseveranstalter bieten die Besteigung des Berges im Komplettpaket an, es lassen sich auch verschiedenste Formen der Unterstützung buchen. Christiane und ich hatten die Erfahrung gemacht, dass wir solche Veranstalter besser meiden sollten. Wir hatten schlechtes Wetter, kritikwürdige Organisation und für uns unpassendes Tempo erlebt. Im Jahr 2005 suchten wir einen Berg, den wir mit wenig fremder Unterstützung versuchen könnten. Kein deutscher Bergführer, kein lokaler Guide, keine Träger. Wir kehrten dem Himalaya den Rücken, nahmen die Anden ins Visier. Ein Wiener Veranstalter für Bergreisen bot eine Reise zum Aconcagua an, die für uns maßgeschneidert war. Wir buchten: Flüge nach Santiago de Chile und zurück, den Transport über die Anden nach Mendoza mit Hotelübernachtungen, Unterstützung beim Erwerb des Gipfelpermits, Transporte nach Los Penitentes und zum Eingang des Nationalparks. Von dort wurde unser Expeditionsgepäck mit Mulis zum Basislager transportiert. Wir selbst stiegen mit zwei Übernachtungen im Zwischenlager Confluencia dorthin auf. Eine Tageswanderung führte uns von Confluencia bis unter die Südwand, die große bergsteigerische Herausforderung am Berg. Am nächsten Tag erreichten wir Plaza de Mulas, das Basislager. Dort stand uns für zwei Wochen ein Zelt zur Verfügung, an fünf Tagen hatten wir volle Verpflegung im Camp gebucht. Der weitere Weg auf den Gipfel, immerhin lagen noch 2700 Meter Aufstieg vor uns, war unsere Sache. Ein sturmfestes Expeditionszelt, Kocher und Gas hatten wir im Expeditionsgepäck. Proviant stammte aus einem Supermarkt in Mendoza. Nur einige spezielle Nahrungsmittel hatten wir aus Deutschland mitgebracht. Es gab keinen Expeditionsleiter, keine Ansage, keine Träger, keine Gruppe, keine Leistungsvergleiche.

Wir ließen uns Zeit, schleppten langsam, verteilt auf mehrere Lasten, alles auf den Berg, von dem wir dachten wir brauchen es. Zwei Zwischenlager hatten wir eingeplant, Pausentage in der Höhe vorgesehen. Am zehnten Tag bezogen wir bei den „White Rocks“ das zweite Hochlager um die Mittagszeit. Von dort wollten wir am nächsten Tag zum Gipfel. Climb high, sleep down.  Dieser Regel für Höhenbergsteiger folgend, stiegen wir am Nachmittag noch bis auf 6300 Meter auf, am Aconcagua folgt man einem ausgetretenen Pfad. Dort saßen wir wie auf einer Aussichtskanzel, sahen zu, wie sich die Sonne langsam zum Pazifik senkte. Den Weiterweg konnten wir gut einsehen, im Prinzip bis zur Canaletta, die, oft noch mit Eis gefüllt, direkt unter dem höheren der beiden Gipfel endet. Auf dem Weg war noch eine Bewegung, irgendein Wesen war unterwegs, in unsere Richtung. Ein Puma? Ein Vicuna? Nicht in dieser Höhe, nicht in dieser von Menschen überlaufenen Gegend. Und Tiere bewegen sich geschmeidiger. Es war ein einzelner Mensch. Übriggeblieben von den Gipfelaspiranten des Tages, verspätet im Abstieg. Er konnte sich nicht mehr auf den Beinen halten. Wir sahen ihn torkeln, stolpern, stürzen, kriechen, wieder aufstehen, nach Orientierung suchen. Bei anderen Bergsteigern mische ich mich nicht ein, Fragen versuche ich zu beantworten, Vorschläge zu vermeiden. Jeder macht es so, wie er denkt. Aber jetzt? Es war klar, wenn wir nicht eingreifen, finden wir am nächsten Morgen möglicherweise einen erfrorenen Bergsteiger auf unserem Weg zum Gipfel. In weniger als einer Stunde wird die Sonne untergehen, die Temperatur wird weit unter den Gefrierpunkt sinken. Minus 20 Grad, eher noch weniger. Behütet durch Zelt und Schlafsack ist das kein Problem. Aber dieser Mensch im Abstieg hat dann ein Problem in seinem Zustand. Wohin wollte der überhaupt? Wann würde er endgültig liegen bleiben, nicht wieder aufstehen? Schließlich gingen wir ihm entgegen, Ein Mann mit asiatischen Gesichtszügen. Kleidung, Schuhe und Rucksack passten eher für eine Wanderung im Allgäu. „Summit No“, stammelte er. Offensichtlich hatte er heute den Gipfel versucht, sein Ziel aber nicht erreicht. Der Tag war windstill und klar gewesen, die Temperatur tagsüber angenehm, bergsteigerische Hindernisse gab es praktisch nicht. Er sah erbärmlich aus, vollkommen dehydriert. Viel zu spät war er umgekehrt. „Berlin“ konnten wir noch verstehen, da müsse er noch hin.

Ein kleines Plateau in 5950 Meter Höhe wird als „Berlin Camp“ bezeichnet, keine Ahnung weshalb. Dort gab es Holzverschläge, gedacht als Notfallunterkünfte, manche Begeher der Normalroute nutzen sie als Lager. Dabei gehen sie das Risiko ein, die Hüttchen überbelegt, unbenutzbar oder zerstört vorzufinden. Unser Bergsteiger hatte bis dahin noch fast 400 Höhenmeter im Abstieg vor sich. Dabei eine kurze Passage, bei der man ein paar Meter leicht Klettern muss. Das schafft der nicht mehr, das war unser Eindruck. Christiane ging voraus zu unserem Lager, sie wollte etwas zu trinken und zu essen holen. Im Rucksack unseres gestrauchelten fanden wir eine PET-Flasche, gefüllt mit einem Eisblock und ein paar Kleidungsstücke. Vermutlich hatte er den ganzen Tag nichts getrunken, vielleicht auch nichts zum Frühstück gehabt.

Er war klein und leicht. Ich legte seinen rechten Arm über meine rechte Schulter und stützte ihn mit dem linken Arm ab. So schleifte und zog ich ihn talwärts, es war ein arges Vorwärtsstolpern, feinfühlig konnte ich nicht sein. Christiane kam uns mit einer Thermoskanne entgegen. Wir flößten ihm warmen, leicht gesüßten Pfefferminztee ein. Er nahm auch etwas von unserer speziellen Energienahrung: Ritter Sport, Trauben Nuss. Flüssigkeit und Schokolade behielt er bei sich. Schon nach wenigen Minuten wirkte er etwas stabiler. Aber der Abstieg war immer noch weit. Allein gehen konnte er nicht mehr. Also schleppten wir ihn weiter in Richtung „Berlin“. Vier Franzosen retteten schließlich die Situation. Sie waren vom Berlin Camp ein Stück aufgestiegen, climb high, sleep down, und beobachteten, was sich da talwärts mühte. Sie nahmen uns das Häufchen Elend ab, machten sich sofort an den weiteren Abstieg, zu viert fiel das leichter. Erst als wir wieder im Basislager waren, erfuhren wir, wie die Sache weitergegangen war. Unsere Lagermanagerin sprach uns an, wir seien doch das deutsche Paar, das den japanischen Bergsteiger gerettet habe. Ja, der sei im Camp Berlin versorgt worden, habe dann selbständig absteigen können, es sei am Ende alles gut ausgegangen. Für ein paar Tage waren wir die Bergretter am Aconcagua.

Das ist aber nur die halbe Geschichte. Nach dieser Aktion zogen wir uns in unser Zelt zurück, es war inzwischen dunkel und kalt. Am nächsten Morgen wollten wir vor Sonnenaufgang zum Gipfel starten. Das Wetter sollte stabil bleiben, so unsere Einschätzung, einen Wetterbericht hatten wir nicht. In der Nacht gab es kaum Wind, kein Lärm, keine flatternden Zeltbahnen. Ich fühlte aber mit, wie sich die Angst in Christiane ausbreitete. Sie könne nicht gehen, sie habe dem Tod in die Augen geblickt, nichts anderes erwarte auch uns. Starke Emotionen lassen sich mit Argumenten nicht regulieren. Ich musste allein aufstehen. Für Frühstück und Gipfelgang war alles hergerichtet. Nach einer halben Stunde kroch ich aus dem Zelt, richtete mich auf, setzte den Rucksack auf, nahm meine Stöcke in die Hände und ging bergauf. Es dämmerte, ein klarer Tag erwartete mich, die Kälte war erträglich. Nach zwei Stunden deponierte ich meinen Eispickel neben dem Weg, trank etwas, aß einen Riegel. Die Canaletta konnte man so oder so angehen. Es gab eine durchgängig eisgefüllte Rinne, daneben instabiles Blockwerk und Geröll. Ich legte die Steigeisen an, die ich für alle Fälle mitgeschleppt hatte. Man steigt im Eis gleichmäßiger und kraftsparender als über wackelige Blöcke. Noch vor Mittag war ich am Gipfel. Ein anderer Sologänger machte das Gipfelfoto von mir. Es war windstill, ich saß ohne Daunenjacke in der Sonne. Nach einer halben Stunde begann ich mit dem Abstieg. Gegen 14 Uhr war ich zurück an den White Rocks, Christiane wirkte zerknirscht, sie musste reden. Wir hätten doch noch Zeitreserven, sie wolle auch noch auf den Gipfel, morgen, das Wetter sei doch stabil und das mit dem Sterben sei Quatsch.

So stellte ich mich auf zwei weitere Nächte bei den White Rocks ein. Am nächsten Morgen brach Christiane allein auf. Sie verzichtete auf die Eisausrüstung. Kletterte durch die Canaletta über die Blöcke und durch das Geröll. Dadurch hatte sie einen über zwei Kilogramm leichteren Rucksack. Zum Nachmittagstee war sie zurück im Lager, Gipfelfoto auf dem Film. Ohne Luftnot, Kopfschmerzen und Panik.

In der nächsten Nacht kippte das Wetter, Wind kam auf, Sturmböen schüttelten das Zelt durch, Graupel prasselte auf die Stoffbahnen, es wurde laut. Uns blieb, das Lager abzubauen. Am Ende die schwierigste Aktion der ganzen Besteigung. Es stürmte, eine Mischung aus Schnee und Graupel klatschte uns ins Gesicht, es fühlte sich an wie Nadelstiche. Alles drohte davon zu fliegen, alles musste man gleichzeitig festhalten und irgendwie einpacken. Ein Ritt auf dem Sturm. Wenn man die Handschuhe auszog, waren die Finger sofort steif, Schmerzen. Alles ging furchtbar langsam, die Kälte kroch in uns hinein. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatten wir alles in oder an den Rucksäcken verstaut. Mütze, Kapuze, Handschuhe schützten und wärmten. Am Camp Berlin waren wir schnell vorbei. Von dort war heute niemand zum Gipfel aufgebrochen. Auch Nido de Condores, das Plateau, auf dem unser erstes Hochlager gestanden hatte, erreichten wir zügig. Der Sturm beruhigte sich mit jedem Meter, den wir tiefer kamen. Das Depot, das wir dort noch hatten, Gas, Essensvorräte, zusätzliche Kleidung, konnten wir in aller Ruhe verstauen. Die letzten Stunden stiegen wir bepackt mit riesigen Rucksäcken weiter ab. Unterhalb von 5000 Metern wirkte die bessere Sauerstoffversorgung wie eine warme Dusche, alles wurde leichter. Unsere Campmanagerin empfing uns mit Kaffee und Kuchen im Basislager. Wir genossen das Hochgefühl.

Das war unser höchster Gipfel und ist es bis heute geblieben. Die Besteigung ist uns leicht gefallen. Wir fühlten uns in der Natur gut aufgehoben, geborgen. Wir bewegten uns persönlich dennoch an der Grenze zum Untergang. Wir bargen einen Bergsteiger, der sich vollkommen verschätzt hatte, der den Berg wohl als großen Spielplatz sah und den die Dimensionen des Naturraumes komplett überforderten. Wir selbst hatten günstige Verhältnisse, es war wie ein Spiel, wir wären aber bei einem Wetterumschwung im Gipfelbereich in große Schwierigkeiten gekommen. Wir waren gut ausgerüstet. Bergsportausrüster haben alles im Angebot, um an hohen Bergen zu bestehen. Gegen die Standardbedrohungen gibt es erprobte Produkte. Die Natur bietet uns Raum für die ganz großen Erlebnisse und Erfahrungen. Knapp daneben lauert das Verderben. Erfolge, die wir gerne unserer eigenen Kompetenz zuschreiben, sind oft genug nur Zufallsprodukte, Fälle von persönlichem Glück. Die Natur ist am Ende nicht berechenbar. Mit den Risiken, denen wir uns aussetzen, gehen wir nicht seriös um.

Ein Dialog Jahre später: „Weißt du, damals, wenn wir mehr Zeit eingeplant hätten, wir hätten doch sicher auch einen Achttausender geschafft, einen von den kleineren.“ Sage ich zu Christiane. Sie sieht das ähnlich. „Ja, könnte man meinen, aber in den Anden gab es doch keinen höheren Berg mehr.“ Christiane grübelt ein wenig weiter. Dann kommt es ganz heftig: „Ich hätte das schon geschafft, bei dir bin ich mir da nicht so sicher.“